Der Neandertaler starb aus, das Zarenreich entstand und zerfiel, doch Pithovirus sibericum blieb, wo es war. Vergraben im kalten Boden der sibirischen Einöde schlummerte das Virus vor sich hin. 30 Meter Permafrost trennten es vom Alltag an der Oberfläche. Bis französische Forscher im fernen Osten Russlands in der Region Kolyma es aus seinem natürlichen Tiefkühlfach befreiten.

Sie hatten sich nicht verirrt, sie waren auf der Jagd nach Viren, die die Welt da draußen noch nie gesehen hat und die sie in unerforschten Gebieten vermuten. Die Wissenschaftler um Matthieu Legendre von der Universität Aix-Marseille rissen Pithovirus sibericum mit schwerem Gerät aus seinem 30.000 Jahre währenden Winterschlaf. Eine Sensation, denn einen solchen Virus hatten sie noch nicht gesehen. Doch mit der Entdeckung kam auch die Sorge. Könnten Erreger wie Pithovirus sibericum dem Menschen gefährlich werden?

Das Virus ist mit seinen 0,0015 Millimetern in etwa so groß wie ein Bakterium und lässt sich sogar unter einem einfachen Lichtmikroskop beobachten. Bislang kannte die Wissenschaft innerhalb der Riesenviren nur zwei Familien: die Megaviren und die Pandoraviren. Pithovirus sibericum ist eine dritte Variante. In seiner Form, die einer antiken Amphore ähnelt, sieht das Pithovirus den Pandoraviren ähnlich. Sein genetischer Aufbau und die Art und Weise, wie er sich vermehrt, erinnern jedoch an die Megaviren.

Diese Erreger interessieren sich normalerweise kaum für den Menschen. Sie infizieren zumeist Einzeller wie Amöben und andere Kleinstorganismen. Legendre und sein Team testeten nun, ob das schockgefrostete Pithovirus überhaupt noch aktiv werden kann. Sie ließen es im Labor auf die Amöbe Acanthamoeba los und gaben ihm quasi einen Köder. Pithovirus sibericum tat daraufhin das, was jedes Virus tut: Es infizierte seine Beute und vermehrte sich. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Forscher im Magazin Proceedings of the National Academy of Sciences (Legendre et al. 2014).

"Dieses Virus fällt nur Amöben an", sagt Jean-Michel Claverie, der ebenfalls an der Studie mitgewirkt hat. "Aber ich glaube, dass ein für den Menschen ansteckendes Virus im Permafrost genauso überdauern kann." Ein gefährlicher Erreger aus den Tiefen des Eises? Er, Matthieu Legendre und ihre Kollegen spekulieren, dass mit dem Tauen des Permafrostbodens in Sibirien oder beim Bohren nach Öl in der Arktis weitere noch unbekannte Viren frei werden könnten. Vielleicht wären sie in der Lage Tiere und Menschen zu befallen.  

Kommen die Pocken wieder?

Denkbar sei dies zum Beispiel im Fall der Pocken, die seit 1980 als ausgerottet gelten, erklärt Claverie: "Wenn wir sagen, dass das Pockenvirus nicht mehr auf dem Planeten ist, dann gilt das nur für die Erdoberfläche. Sollten sich die Pocken im Eis erhalten haben, könnten wir ähnliche Epidemien erleben wie zuvor schon in der Menschheitsgeschichte."

Doch sind diese Sorgen berechtigt? Zumindest was die Pandora- und pandora-ähnlichen Viren wie Pithovirus sibericum angeht, gibt Karin Mölling Entwarnung. Die Virologin, die derzeit am Heinrich-Pette-Institut in Hamburg Gastprofessorin ist und nicht an der Studie beteiligt war, sagt: "Für diese Form von Viren haben wir bisher noch nie eine Epidemie beobachtet, sie sind zu neu." Wenn man jedoch die Pockenviren als Vertreter der Riesenviren betrachte, dann seien Claveries Schlüsse durchaus berechtigt. 

Der Mikrobiologe Mike Allen vom Plymouth Marine Laboratory dagegen fällt ein vernichtendes Urteil. "Es ist wahrscheinlicher, dass Sie von einem Bus überfahren werden, der von Blitzen angetrieben und von einem Hai gesteuert wird, als dass sie an solchen Viren sterben."

Unabhängig von der Gesundheitsgefahr, die die Virologin Mölling ebenfalls als eher gering einschätzt, seien Riesenviren für die Wissenschaft hochspannend. Sie hätten nämlich teilweise Fähigkeiten von Bakterien. "Diese Viren besitzen bisher unbekannte Reparaturenzyme und Replikationsenzyme", sagt Mölling. Die Erreger stellen damit die bisherige Definition von Viren auf den Kopf und eröffnen ein völlig neues Forschungsfeld.

Zudem hausen sie offenbar nicht nur im Permafrost, sondern an weit mehr Orten. Die gleiche Forschergruppe mit Legendre und Claverie fand andere Riesenviren schon vor der Küste Chiles und in einem australischen Süßwasserteich (Philippe et al., 2013). Die Virologin Mölling geht davon aus, dass man die meisten Riesenviren bisher fälschlich für Bakterien hielt und man noch viel mehr von ihnen finden wird.