Der Embryo einer Maus, gezüchtet aus jungen Stammzellen, die mit der neuen Methode gewonnen worden sein sollen: Forscher drehten die Lebensuhr fast ausgewachsener Zellen angeblich zurück, indem sie Säure nutzten. © Haruko Obokata

Kann Stammzellforschung so einfach sein? Durch ein simples Bad in Säure wollten die 30-jährige Forscherin Haruko Obokata und ihr Team vom japanischen Riken-Institut Blutzellen von Mäusen in Stammzellen zurückverwandelt haben. Von Anfang an hatten Fachkollegen Zweifel an dem Experiment und den dazu veröffentlichten Arbeiten, die im Januar im Magazin Nature erschienen waren. 

Jetzt hat die institutseigene Untersuchungskommission in Tokio einen Zwischenbericht vorgelegt und tendiert dazu, die Rücknahme beider Veröffentlichungen zu empfehlen. 

In der Kritik stehen die am 30. Januar dieses Jahres erschienene Forschungsarbeit Stimulus-triggered fate conversion of somatic cells into pluripotency (Obokata, et al., 2014, Nature 505, 641–647) und die dazugehörige Zusammenfassung mit dem Titel Bidirectional developmental potential in reprogrammed cells with acquired pluripotency (Obokata, et al, 2014, Nature 505, 676–680).

Wie die Kommission auf einer rund vierstündigen Pressekonferenz am Riken-Institut mitteilte, wurde an jeweils einer Stelle beider Veröffentlichungen nachweislich nicht korrekt mit Daten umgegangen. Vier weitere Ungereimtheiten müssten noch genauer analysiert werden. Für den Abschlussbericht brauche die Kommission noch Zeit.

Betrug oder Schludrigkeit?

Ob es sich bei einigen der noch zu untersuchenden Fehler um absichtliche Täuschung oder um versehentliche Pannen handelt, könne man zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht beurteilen. Nach Ansicht des Leiters der Kommission, dem Molekulargenetiker Shunsuke Ishii, gibt es bisher keine Anzeichen für Forschungsbetrug. Während des Peer-Review-Prozesses waren die Fehler in beiden Veröffentlichungen nicht aufgefallen.

Die Stammzellforscherin während eines Vortrags über STAP-Zellen © Kyodo/Reuters

Das Wall Street Journal berichtete in einem Live-Blog von der Pressekonferenz aus Japan. Die schwersten Vorwürfe gegen das Forscherteam, die der Kommission vorliegen: Passagen im Methodenteil der Hauptarbeit sollen aus einer anderen Forschungsarbeit kopiert worden sein. Auffällig ähnliche Abbildungen kommen mehrmals vor – und eine Grafik, die nicht zu den im Text geschilderten Ergebnissen passt, ist angeblich in ähnlicher Form schon in der Doktorarbeit der Studienleiterin Obokata zu finden, die 2011 erschien. Letzteres wäre ohne ein korrektes Zitat aus der Dissertation ein unzulässiges Selbstplagiat. 

Ein weiterer gravierender Kritikpunkt ist, dass es bisher weltweit keiner Arbeitsgruppe gelang, das in Nature geschilderte Experiment zu wiederholen. Sprich: Niemand sonst konnte auf die von Obokata und ihrem Team beschriebene Weise durch ein Säurebad T-Zellen (bestimmte weiße Blutzellen) in pluripotente Stammzellen zurückverwandeln. Auf der Open-Source-Plattform ResearchGate berichtet der Stammzellforscher Kenneth Ka-Ho Lee aus Hongkong von seinem vergeblichen Versuch, das Verfahren zu verifizieren.

Keine Rückendeckung für die junge Forscherin

Studienleiterin Obokata selbst sowie drei der insgesamt 13 Co-Autoren wären mit dem Rückzug der Studien einverstanden, hieß es auf der Pressekonferenz. Mitautor Teruhiko Wakayama hatte sich bereits Anfang der Woche für eine Rücknahme der Veröffentlichung ausgesprochen. "Es sei besser (die Studie) einmal zurückzuziehen und neu einzureichen, nachdem man sichergestellt habe, dass alle Daten korrekt seinen", sagte er. Im Januar hatte Wakayama, der am Riken-Institut an der Zellverjüngung durch gentechnische Methoden arbeitet, mit Obokata die Ergebnisse der Stammzellgewinnung mit Hilfe von Säure vorgestellt.

Während der Präsentation des Zwischenberichts der Untersuchungskommission war keiner der angegriffenen Forscher anwesend. Obokatas Vorgesetzte von Riken-Institut begründeten das damit, es sei noch zu früh in dem Beurteilungsprozess, als dass man von den Betroffenen verlangen könne, sich der öffentlichen Kritik zu stellen.

Dadurch bekamen die Beschuldigten jedoch auch keine Gelegenheit, ihren Standpunkt zu verteidigen. Masatoshi Takeichi, Direktor des Riken-Zentrums für Entwicklungsbiologie, an dem Obokata ihre Arbeitsgruppe leitet, bezeichnete die Forscherin in ihrer Abwesenheit vor Journalisten als "unsicher" und "schludrig". Er rate bereits jetzt vor Abschluss der Untersuchungen dazu, die Veröffentlichungen zurückzuziehen, berichtet das Wall Street Journal.