Mitte bis Ende 20, Student, grundsätzlich glücklich, ziemlich gesund und interessiert daran, es zu bleiben. Trinkt viel Alkohol und raucht auch mal Gras. So lässt er sich wohl beschreiben, der alltägliche, aber kaum bekannte Drogenkonsument von heute. Unauffällig und zufrieden, nicht kaputt und abhängig in der Gosse liegend. Willkommen in Deutschland, im Land der Trinker und Kiffer.

Das ist das Bild, das sich aus dem ZEIT-ONLINE-Drogenbericht ergibt. Es ist das Ergebnis der weltweit größten Drogenumfrage im Netz, dem Global Drug Survey. ZEIT ONLINE hatte vergangenen November aufgerufen, daran teilzunehmen. 22.359 Menschen in Deutschland haben geantwortet, so viele wie in keinem anderen Land. Nie zuvor haben mehr Deutsche so detailliert beschrieben, was sie rauchen, schnupfen, trinken und einwerfen. Ganz gleich, ob es legale Drogen waren oder verbotene Stoffe.

Diese Deutschen tauchen nicht in den Zahlen der Polizei oder der Notaufnahme auf. Was sie berichten, zeigt, dass Drogen keineswegs nur eine Randerscheinung heruntergekommener Stadtviertel sind, in denen kriminelle Banden ihren Stoff an Süchtige verticken.

Fast die Hälfte der Teilnehmer hatte im Jahr vor der Umfrage gekifft, jeder fünfte schluckte Ecstasy oder schnupfte MDMA als Pulver. 13 Prozent koksten, viele bis zu zehn Mal in diesem einen Jahr. Fast jeder Zehnte vergnügte sich mit halluzinogenen Pilzen und rund acht Prozent begaben sich auf einen LSD-Trip.

Alle Hintergründe, Grafiken und Ergebnisse zum ZEIT-ONLINE-Drogenbericht 2014 © ZEIT ONLINE

 "Die meisten suchen keine Behandlung, sind weder im Gefängnis noch sorgen sie für Gewalt auf der Straße", sagt Adam Winstock. Der Psychiater und Suchtforscher hat den Online-Fragebogen des Global Drug Surveys konzipiert. Der ZEIT-ONLINE-Drogenbericht sammle die Erfahrungen "der versteckten Masse an Menschen, die in jeder Straße wohnen und jedes Büro bevölkern. Sie sind Familie und Freunde." 

Alkohol – dramatisch unterschätzt

Aber die Ergebnisse sollten vorsichtig betrachtet werden. ZEIT ONLINE hat Leser gezielt dazu aufgerufen, an der Umfrage teilzunehmen. "Daher gehe ich davon aus, dass die deutsche Stichprobe aus Menschen besteht, die gebildeter und erfahrener sind im Umgang mit Drogen als der Durchschnitt", sagt der Mediziner Winstock. Die anonymen Antworten lassen sich daher nicht verallgemeinern, sie stammen nicht von Menschen aus allen Teilen der Bevölkerung. 

Laut eigenen Angaben ist die Hälfte der deutschen Umfrageteilnehmer noch in der Ausbildung oder studiert, das Durchschnittsalter liegt bei 27 Jahren, mehr als 70 Prozent der Teilnehmer sind männlich. Repräsentativ für ganz Deutschland sind die Ergebnisse also nicht. Trotzdem sind sie gut genug, um einen tiefen, detaillierten Einblick in das Verhalten von Menschen zu bekommen, die Drogen nutzen. Weniger weil sie süchtig sind, sondern weil sie es können und sich bewusst dafür entscheiden.

Wer sind diese Menschen? Die meisten sind fit, haben kein Übergewicht. Etwa ein Drittel zieht mindestens einmal im Monat durch Clubs, viele machen sich Gedanken über die eigene Gesundheit. Doch so unscheinbar sie daher kommen und so vernünftig viele hin und wieder den Rausch suchen: "Es gibt auch welche, die nicht glücklich sind und ernsthafte Probleme haben, sie wollen weniger Drogen nehmen und wünschen sich Hilfe", sagt Studienleiter Winstock. Die größte Gefahr sind hier weniger verbotene Substanzen als Alkohol und Tabak.

Besonders die Folgen des Alkohols werden dramatisch unterschätzt in einem Land, in dem Bier und Wein selbstverständlich zur Kultur gehören. 96 Prozent der deutschen Teilnehmer des Global Drug Surveys trinken regelmäßig. Fast die Hälfte (44 Prozent) trinkt so viel, dass Ärzte von riskanten Trinkgewohnheiten sprechen würden, die zur Sucht führen können. Zwei Drittel der Befragten haben keinen blassen Schimmer, wie viel Alkohol nach den Empfehlungen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in Ordnung ist.