ZEIT ONLINE: Dr. Nutt, Sie haben ein Buch geschrieben, das übersetzt "Drogen – ohne die heiße Luft" heißt. Was für heiße Luft meinen Sie?

David Nutt: Ich meine damit die politischen und medialen Bilder und die Vorurteile rund um Drogen und Drogenkonsum. Es gibt leider sehr viele Übertreibungen und Verzerrungen in der Debatte um Drogen. Deshalb habe ich darüber geschrieben, was Drogen sind, wie sie funktionieren, warum Menschen sie nehmen und wie Drogen das Leben beeinflussen. Die zentrale Botschaft lautet: Alle Drogen sind schädlich, aber nicht alle Drogen sind gleich schädlich, und jeder sollte die Möglichkeit haben, eine informierte Entscheidung zu treffen.

ZEIT ONLINE: Sie sagen, dass sich Drogenpolitik immer am Stand der Wissenschaft orientieren sollte, an der Evidenz. Das klingt ganz vernünftig.

Nutt: Natürlich müssen Politiker auch Dinge jenseits der reinen Wissenschaft berücksichtigen. Aber der gesetzliche Status einer Droge ist dafür vorgesehen, die Öffentlichkeit über ihre Gefährlichkeit zu informieren, und die wissenschaftlichen Aussagen werden von der Politik dabei zu oft ignoriert.

ZEIT ONLINE: Können Sie ein Beispiel geben?

Nutt: Zum Beispiel folgte das EU-weite Verbot von Mephedron (ein Amphetamin, Anm d. Red.) in 2010 den Empfehlungen der europäischen Polizeibehörde Europol und der europäischen Drogenbehörde. Dabei entbehrte es jeder wissenschaftlichen Grundlage. Und Gesetze zu erlassen ohne Bezug auf zuverlässige Erkenntnisse, birgt eine große Gefahr.

ZEIT ONLINE: Welche?

Nutt: Die Kriminalisierung der Drogenkonsumenten richtet meist mehr Schaden an, als es die Droge selbst täte. Auch Mephedron ist schädlich, aber bei Weitem nicht so sehr wie zum Beispiel Kokain. Und viele Kokain-Konsumenten waren auf Mephedron umgestiegen – ehe es verboten wurde.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet es umgekehrt, wenn eine Substanz legal ist?

Nutt: Die Menschen bekommen oft den Eindruck, dass Alkohol und Tabak gar keine echten Drogen sind und dass sie auch nicht wirklich gefährlich sein können. Dabei sind sie in mancherlei Hinsicht gefährlicher als die meisten verbotenen Substanzen. Rauchen macht extrem süchtig und tötet jährlich fünf Millionen Menschen auf der Erde. Bei Alkohol sind es 2,5 Millionen. Bei illegalen Drogen 200.000. Selbst wenn man den Konsum hochrechnet, bleibt eine klare Diskrepanz, was den Schaden betrifft.

ZEIT ONLINE: Wie ist das also, wenn die deutsche Kanzlerin, wie in ihrem letzten Wahlkampf, sagt: Alkohol und Nikotin seien nicht so schnell so schädlich und süchtig machend wie Cannabis?

Nutt: Das hat sicherlich keinerlei faktische Grundlage. Es sind Behauptungen wie diese, von wichtigen, respektierten Persönlichkeiten, denen wir trauen können sollten, die unserer Gesellschaft schaden. Cannabis ist wahrscheinlich eines der ältesten Medikamente, das wir kennen. Man hat damit Schmerzen und Krämpfe gelindert. Und sozial gesehen hat es eine ähnliche Funktion wie Alkohol. Aber während Cannabis weit weniger schädlich ist als Alkohol, wird es als sehr gefährlich eingestuft – wegen der Schäden durchs Rauchen und weil die Droge mit Depressionen und psychotischen Symptomen in Verbindung steht.