Cannabisbefürworter tanzen im Golden Gate Park in San Francisco. © Robert Galbraith/Reuters

ZEIT ONLINE: Dr. Nutt, Sie haben ein Buch geschrieben, das übersetzt "Drogen – ohne die heiße Luft" heißt. Was für heiße Luft meinen Sie?

David Nutt: Ich meine damit die politischen und medialen Bilder und die Vorurteile rund um Drogen und Drogenkonsum. Es gibt leider sehr viele Übertreibungen und Verzerrungen in der Debatte um Drogen. Deshalb habe ich darüber geschrieben, was Drogen sind, wie sie funktionieren, warum Menschen sie nehmen und wie Drogen das Leben beeinflussen. Die zentrale Botschaft lautet: Alle Drogen sind schädlich, aber nicht alle Drogen sind gleich schädlich, und jeder sollte die Möglichkeit haben, eine informierte Entscheidung zu treffen.

ZEIT ONLINE: Sie sagen, dass sich Drogenpolitik immer am Stand der Wissenschaft orientieren sollte, an der Evidenz. Das klingt ganz vernünftig.

Nutt: Natürlich müssen Politiker auch Dinge jenseits der reinen Wissenschaft berücksichtigen. Aber der gesetzliche Status einer Droge ist dafür vorgesehen, die Öffentlichkeit über ihre Gefährlichkeit zu informieren, und die wissenschaftlichen Aussagen werden von der Politik dabei zu oft ignoriert.

ZEIT ONLINE: Können Sie ein Beispiel geben?

Nutt: Zum Beispiel folgte das EU-weite Verbot von Mephedron (ein Amphetamin, Anm d. Red.) in 2010 den Empfehlungen der europäischen Polizeibehörde Europol und der europäischen Drogenbehörde. Dabei entbehrte es jeder wissenschaftlichen Grundlage. Und Gesetze zu erlassen ohne Bezug auf zuverlässige Erkenntnisse, birgt eine große Gefahr.

ZEIT ONLINE: Welche?

Nutt: Die Kriminalisierung der Drogenkonsumenten richtet meist mehr Schaden an, als es die Droge selbst täte. Auch Mephedron ist schädlich, aber bei Weitem nicht so sehr wie zum Beispiel Kokain. Und viele Kokain-Konsumenten waren auf Mephedron umgestiegen – ehe es verboten wurde.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet es umgekehrt, wenn eine Substanz legal ist?

Nutt: Die Menschen bekommen oft den Eindruck, dass Alkohol und Tabak gar keine echten Drogen sind und dass sie auch nicht wirklich gefährlich sein können. Dabei sind sie in mancherlei Hinsicht gefährlicher als die meisten verbotenen Substanzen. Rauchen macht extrem süchtig und tötet jährlich fünf Millionen Menschen auf der Erde. Bei Alkohol sind es 2,5 Millionen. Bei illegalen Drogen 200.000. Selbst wenn man den Konsum hochrechnet, bleibt eine klare Diskrepanz, was den Schaden betrifft.

ZEIT ONLINE: Wie ist das also, wenn die deutsche Kanzlerin, wie in ihrem letzten Wahlkampf, sagt: Alkohol und Nikotin seien nicht so schnell so schädlich und süchtig machend wie Cannabis?

Nutt: Das hat sicherlich keinerlei faktische Grundlage. Es sind Behauptungen wie diese, von wichtigen, respektierten Persönlichkeiten, denen wir trauen können sollten, die unserer Gesellschaft schaden. Cannabis ist wahrscheinlich eines der ältesten Medikamente, das wir kennen. Man hat damit Schmerzen und Krämpfe gelindert. Und sozial gesehen hat es eine ähnliche Funktion wie Alkohol. Aber während Cannabis weit weniger schädlich ist als Alkohol, wird es als sehr gefährlich eingestuft – wegen der Schäden durchs Rauchen und weil die Droge mit Depressionen und psychotischen Symptomen in Verbindung steht.

"Das niederländische Coffee-Shop-Modell funktioniert"

ZEIT ONLINE: Stimmt das denn mit den psychotischen Symptomen?

Nutt: Cannabis ist auf eine komplexe, widersprüchliche und teils mysteriöse Weise mit Psychosen und Schizophrenie assoziiert. Der Konsum von Cannabis ist allerdings relativ verbreitet, einer von drei Menschen hat es probiert. Schizophrenien sind dagegen einigermaßen selten und beginnen typischerweise in der Jugend oder im frühen Erwachsenenalter. Die wissenschaftliche Evidenz zeigt einen Zusammenhang  – dessen sollten wir uns alle bewusst sein, insbesondere die Konsumenten und Eltern. Trotzdem: Auf gar keinen Fall kann die Wissenschaft diesen Grad an Angst vor Cannabis unterstützen, der in den Medien propagiert wird.

ZEIT ONLINE: Die Legalisierung von Cannabis wird allerdings immer populärer. Viele Menschen wünschen sich zumindest eine Regelung wie sie lange Zeit in den Niederlanden üblich war. Wie sehen Sie das?

Nutt: Das niederländische Coffee-Shop-Modell wurde im Wesentlichen eingeführt, damit die Bevölkerung nicht in Kontakt mit Dealern treten muss. Denn Drogenhändler wollen natürlich immer, dass die Leute Substanzen nehmen, die stärker abhängig machen und größeren Profit bringen als eine Droge wie Cannabis. Das niederländische Modell war so gesehen ein logisches und gewagtes Experiment, das meiner Ansicht nach extrem gut funktionierte. Die Niederlande haben eine der niedrigsten Raten von Heroinkonsum in Europa. Die Trennung von Dealern und Konsumenten kann also vermeiden helfen, dass Cannabis zum Gebrauch anderer Drogen führt. Aber am Ende muss jedes Land, muss jede Regierung selbst entscheiden.

ZEIT ONLINE: Was weiß man inzwischen über die Entkriminalisierung?

Nutt: In Portugal versucht man seit 2001 eine neue Strategie: Drogen, die durch die UN-Konvention erfasst sind, bleiben illegal. Aber der persönliche Besitz wird nicht mehr strafrechtlich verfolgt. Viele Konservative befürchteten zuerst, dass der Konsum von Drogen dramatisch ansteigen und Portugal zu einem Mekka für Drogentouristen werden würde. Aber die Strategie war extrem erfolgreich, mit überschaubaren Nebeneffekten. Vor allem die öffentliche Einstellung gegenüber Drogenabhängigen hat sich geändert. Viele sehen jetzt, dass es sich bei Abhängigkeit um ein medizinisches und soziales Problem handelt, nicht um Kriminalität. Und der Staat ist alles andere als "soft" in Sachen Drogen: Portugal greift mehr denn je ein, um die Leute vor Abhängigkeit zu schützen und Drogenabhängigen eine Therapie zu ermöglichen.

ZEIT ONLINE: Das klingt trotzdem wesentlich freundlicher als "Krieg".

Nutt: Der "Krieg gegen Drogen" schadet deutlich mehr, als dass er nützt. Das "Drogenproblem" muss völlig neu gedacht werden, im Sinne der Gesundheit, statt als moralischer Kreuzzug. Als ich anfing, für die britische Regierung zu arbeiten, dachte ich noch, dass unsere Drogenpolitik auf dem richtigen Weg sei. Mit der Zeit habe ich dann erkannt, welche schlimmen Folgen diese Politik hat. Das Wichtige ist: Ich habe meine Meinung geändert. Seine Meinung angesichts von neuen Erkenntnissen ändern zu können und zu wollen – das ist essentiell für jede vernünftige Politik.

ZEIT ONLINE: Seit einer Woche gibt es neue Daten aus dem Global Drug Survey, einer Online-Umfrage zum Drogenkonsum vor allem unter jüngeren Menschen. Auch in Deutschland nahmen mehr als 22.000 Menschen teil. Wozu brauchen wir so eine Umfrage?

Nutt: Eins vorweg: Wir haben es hier mit einer Stichprobe zu tun, die sich selbst ausgesucht hat – die Leute entscheiden selbst, ob sie teilnehmen wollen. Der Survey repräsentiert also keinen Durchschnitt der Bevölkerung.

ZEIT ONLINE: Wozu aber dann so eine Umfrage?

Nutt: Sehen Sie: Vor drei Jahren war die Hälfte aller Jugendlichen im Alter von 15 und 16 in Großbritannien zumindest einmal im Monat betrunken – obwohl die Altersgrenze für Alkohol bei 18 Jahren liegt. Das ist illegaler Drogenkonsum, aber die Regierung sieht drüber hinweg, was dazu führt, dass viele Kinder von Alkohol abhängig sind, bevor sie ihn überhaupt kaufen dürfen. Illegale Substanzen sind eine komplexere Entscheidung, weil man erwischt werden und im Strafregister landen könnte. Trotzdem brechen fast 50 Prozent der jungen Leute irgendwann das Gesetz, um verbotene Drogen zu nehmen. Und wir müssen wissen, warum. Welche Motivation steckt hinter dem Konsum der einzelnen Substanzen? Die Daten des Global Drug Survey können uns dabei helfen.

"Drogenaufklärung muss sich so entwickeln wie die Aufklärung über Sex"

ZEIT ONLINE: Die Auswertung der deutschen Teilnehmer hat gezeigt, dass fast die Hälfte in riskantem Ausmaß Alkohol konsumiert, aber gleichzeitig glaubt, das sei nicht gefährlich.

Nutt: Daran kann man gut erkennen, welchen Einfluss kulturelle Prämissen und das Marketing der Industrie auf die Risikowahrnehmung der Menschen haben. Und vermutlich wollen viele Menschen einfach nicht wahrhaben, dass etwas, was ihnen Spaß macht, schädlich sein kann, weil es ja legal ist.

ZEIT ONLINE: Können Aufklärungsprogramme, wie es sie heute gibt, das ändern?

Nutt: Die Programme der Regierungen, wie zum Beispiel auch die Drug Abuse Resistance Education (DARE) in den USA, bewirken manchmal sogar, dass der Drogenkonsum der Teilnehmer kurzfristig zunimmt. Wahrscheinlich entwickeln die beteiligten Kinder ein besonderes Interesse an den Substanzen, zu denen sie jetzt so vehement "Nein!" sagen sollen. Langfristig hat sich gezeigt, dass diese Art von Aufklärung keinen Unterschied macht. Der oberste Gesundheitsberater der USA kam schon 2001 zu dem Schluss, dass DARE nicht funktioniert.

ZEIT ONLINE: Für Väter und Mütter bleibt nur die Sorge. Wie sollten sie das Thema in der Familie behandeln?

Nutt: Alle Eltern haben Angst davor, dass ihre Kinder Drogen probieren. Ich habe selbst vier Kinder, und ich weiß sehr gut, wie schwierig es ist, sie einerseits zu schützen und ihnen andererseits eigene Entscheidungen zu ermöglichen, wenn sie größer werden. Mein Ältester war 13 Jahre alt und wusste schon eine Menge über Drogen, als ich es angesprochen habe. Im Nachhinein wünschte ich mir, dass ich früher mit ihm geredet hätte, weil er schon einige falsche Vorstellungen von Drogen und ihre Risiken hatte. Es ist einfacher, wenn das Gespräch ab der Kindheit fortgesetzt wird. Und für mich war es vermutlich einfacher als für die meisten anderen Eltern. Meine Kinder hatten das Gefühl, dass ich mich auskenne und ihnen keinen Quatsch erzähle.

ZEIT ONLINE: Was war denn Ihre wichtigste Botschaft?

Nutt: Ich glaube ihnen vor allem vermittelt zu haben, dass Heroin und Crack sehr gefährlich sind. Sie haben beides nie probiert. Das hat sie zwar nicht davon abgehalten, mit anderen Sachen zu experimentieren, aber zumindest wussten sie dabei, was sie tun – und sie wussten, dass sie jederzeit zu mir kommen können, falls es ein Problem gibt.

ZEIT ONLINE: Es kann aber nicht alles nur an den Familien hängen bleiben, oder?

Nutt: Die Drogenaufklärung muss sich im Grunde so entwickeln wie die Aufklärung über Sex: Sexualität war früher ein absolutes Tabuthema, aber heute ist die Aufklärung völlig akzeptiert, weil sie viele negative Folgen gerade bei Jugendlichen zu verhindern hilft – auch wenn Lehrer Sex bei Minderjährigen deshalb noch lange nicht billigen. Mit Drogen ist es ähnlich, und deshalb bieten wir über das Independent Scientific Committee on Drugs Informationen über die häufigsten Drogen an. Wir freuen uns, wenn dieses Wissen für die Aufklärung genutzt wird, und Lehrer, die das tun wollen, können sich jederzeit bei uns melden.

ZEIT ONLINE hat seine Leser gefragt: Nehmen Sie Drogen?  Mehr als 22.000 Menschen in Deutschland haben sich an der Online-Umfrage Global Drug Survey 2014  beteiligt. Daraus ist der ZEIT-ONLINE-Drogenbericht entstanden.

Alle Hintergründe, Grafiken und Ergebnisse zum ZEIT-ONLINE-Drogenbericht © ZEIT ONLINE

Nie zuvor haben mehr Deutsche so detailliert beschrieben, was sie rauchen, schnupfen, trinken und einwerfen. Hier finden Sie alle Ergebnisse der Umfrage sowie weitere Grafiken und Artikel zu Drogen in Deutschland.

Update: Der Global Drug Survey 2015 hat begonnen. Nehmen Sie bis zum 20. Dezember 2014 an der weltweit größten Umfrage zum Drogenkonsum teil und helfen Sie mit, Drogenkonsum sicherer zu machen (Lesen Sie hier mehr).

Die Ergebnisse werden wir Ihnen im Sommer 2015 exklusiv auf ZEIT ONLINE vorstellen. Folgen Sie der Umfrage auch auf Twitter via #GDS2015 und @GlobalDrugSurvy. Berichte und Hintergründe zum Thema auf ZEIT ONLINE finden Sie hier.