Deutschlands Drogenpolitik funktioniert seit Jahrzehnten wie ein Märchen, in der sich die Welt der Drogen in Gut und Böse teilen lässt. Der Grund allen Übels sind Rauschmittel wie Cannabis, Heroin und Kokain. Verfolgt und verboten, weil sie gefährlich für die Menschen sind. Auf der Seite der Rechtschaffenheit wurden Alkohol und Tabak platziert, akzeptiert und toleriert. Dabei steht nicht nur der Schaden, den Zigaretten, Bier, Wein und andere Spirituosen anrichten, längst außer Frage. Auch bewegen sich weiterhin Millionen von Menschen unbeeindruckt im Reich des Bösen. Trotz harter Sanktionen. Die Fabelwelt der Drogenpolitik zerbricht.

Strafrechtler und Forscher sind sich einig: Drogenverbote haben kaum Wirkung, die Strafen für Drogendelikte sind unverhältnismäßig hoch, kaum abschreckend und überaus kostspielig. Zudem ist mittlerweile weit mehr über verschiedene Drogen, ihre Wirkung und gesundheitlichen Folgen bekannt, als dass es sinnvoll wäre an der bisherigen Kategorisierung von "verboten" und "erlaubt" festzuhalten.

Einige wenige Länder scheinen dies zu erkennen. Spanien, Portugal und die Niederlande etwa haben begonnen ihre Drogenpolitik radikal zu verändern.  Selbst in Teilen der USA regt sich der Widerstand gegen jahrzehntelange Verbotspolitik. Die Regierung müsse ihren Krieg gegen die Drogen überdenken, stellte schon 2010 ein Forschertrio von der Columbia University fest. Und Anfang des Jahres sagte Präsident Barack Obama in einem Interview mit dem amerikanischen Journalisten David Remnick, er würde Cannabis seinen Töchtern zwar nicht empfehlen, aber "ich glaube, es ist nicht gefährlicher als Alkohol". Per Volksentscheid hatten sich seine Bürger zuvor in Colorado und Washington für eine Legalisierung der Droge entschieden.

Die Cannabis-Legalisierung in den USA ist weltweit bedeutend

"Das waren die ersten Dominosteine in einer Kette aus Staaten, weitere werden fallen, irgendwann auch Deutschland", sagt Heino Stöver von der Fachhochschule Frankfurt. Der Sozialwissenschaftler ist einer von mehr als 120 Professorinnen und Professoren des Strafrechts an deutschen Universitäten, die derzeit in einer Resolution für eine Entkriminalisierung des Drogenstrafrechts plädieren. "Wir führen einen symbolischen Kampf gegen die Drogen, den wir bereits verloren haben", sagt er. 

Den hatten Politiker schon vor mehr als 100 Jahren ausgerufen. Am 26. Februar 1909 einigten sich Diplomaten in Shanghai darauf, die International Opium Commission zu gründen – nur wenige Jahrzehnte, nachdem Großbritannien einen Krieg mit China geführt hatte, um sich die Rechte am Handel mit der Substanz zu sichern. Weitere Verbote von stimmungsverändernden Stoffen sollten folgen. Ihren ersten Höhepunkt erreichte die Kontrolle mit der Prohibition von Alkohol in den USA Anfang der zwanziger Jahre – und mit ihrem Scheitern den ersten Tiefpunkt.

Daraus entstanden ist jedoch Großes: Der Internationale Suchtstoffkontrollrat (INCB), seit 1968 oberster Wächter des Drogenhandels. Der INCB stellt sicher, dass alle Vertragspartner die internationalen Drogenkontrollverträge über den Anbau, die Produktion und Verwendung von Drogen einhalten. Ganz vorne mit dabei: die USA. Eifriger und folgsamer Unterzeichner war aber auch Deutschland.

1998 sorgte schließlich die UN-Generalversammlung dafür, dass sich ihre Mitgliedsstaaten für eine drogenfreie Welt einsetzten. Bis 2008 sollte die Produktion von Opium, Kokain und Cannabis deutlich sinken oder gar verbannt sein. Strikte Kontrollen, klare Verbote und weitreichende Bestrafungen für all jene, die den Handel mit den illegalen Substanzen weiter fördern, sollten dafür sorgen. Zehn Jahre wurde gekämpft, ohne messbare Erfolge.