Werden sehr viel mehr Menschen in Fukushima Krebs bekommen als früher – infolge der Strahlung, die mit dem GAU im Jahr 2011 aus dem Atomkraftwerk entwichen ist? Natürlich, werden viele denken. Ist doch klar, dass Radioaktivität krebserregend ist.

Aber: Das wissenschaftliche Komitee der Vereinten Nationen (UNSCEAR), in dem mehr als 80 Strahlenmediziner und Krebsspezialisten sitzen, sagt das Gegenteil: Es wird keine messbare Zunahme von Krebsfällen unter Erwachsenen geben. Lediglich die Zahl der Schilddrüsen-Karzinome unter Kindern könnte nach der Nuklearkatastrophe an der japanischen Ostküste leicht ansteigen. Mit ihrem Bericht, der heute veröffentlicht wird, bleiben die UN-Experten ihrer Einschätzung treu, die sie bereits vor einem Jahr gegeben hatten.

Ihre Analyse, die unter dem Titel Levels and effects of radiation exposure due to the nuclear accident after the 2011 great east-Japan earthquake and tsunami erschienen ist, werde es als Folge der Strahlenbelastung keine merklichen Veränderungen in der Krebsrate sowie unter Erbkrankheiten geben (UNSCEAR, 2014). Auch die Geburtenrate werde infolge der Strahlung nicht sinken.

Allerdings müsse besonders eine Erkrankung weiter genau beobachtet und untersucht werden, schreiben die UN-Wissenschaftler: Schilddrüsenkrebs unter Kindern.

Es ist zu früh, das Krebsrisiko für Kinder abzuschätzen

Schilddrüsenkrebs ist die einzige Tumorerkrankung, die Mediziner nach Reaktorunfällen beobachten und direkt mit radioaktiver Strahlung in Verbindung setzen können. Diese Krebsart häuft sich, wenn Menschen nach einem GAU radioaktives Jod einatmen oder über die Nahrung aufnehmen. Aus diesem Grund fahnden Mediziner seit Ende 2011 in Fukushima per Ultraschall in den Schilddrüsen von 360.000 Kindern und Jugendlichen nach Veränderungen. Tatsächlich wurden Auffälligkeiten an der Schilddrüse einiger Kinder entdeckt. Ob daraus Krebs entsteht und diese Veränderungen wirklich häufiger auftreten als vor dem GAU können aber erst Langzeitstudien zeigen.

Spätestens seit dem folgenschwersten Reaktorunfall der Geschichte in Tschernobyl 1986 wissen Strahlenmediziner: Es dauert mindestens fünf Jahre, ehe sich durch radioaktiven Fallout ausgelöster Schilddrüsenkrebs zeigt. Auch deshalb warnen selbst die Ärzte in Fukushima davor, ihre Ergebnisse falsch zu deuten. Hinzu kommt aber auch, dass Schilddrüsenkrebs sich im Vergleich zu anderen Krebsarten gut behandeln lässt. Die Wahrscheinlichkeit etwa die nächsten 20 Jahre mit der Diagnose zu überleben, liegt bei rund 90 Prozent, über alle Altersklassen hinweg. So erklärt sich auch, warum nach Tschernobyl bis zum Jahr 2005 nur 15 Menschen von 6.000 starben, die an Schilddrüsenkrebs erkrankten.

"Die Menschen sind zu Recht besorgt über die Gesundheitsfolgen für sich und ihre Kinder", sagte der aus Schweden stammende Chemiker und Biologe Carl-Magnus Larsson, UNSCEAR-Chef und derzeit Leiter der australischen Behörde für Strahlenschutz und Reaktorsicherheit (Arpansa). Basierend auf den aktuellen Untersuchungen, erwarte das Komitee aus Wissenschaftlern dennoch "keine signifikanten Veränderungen in den künftigen Krebsstatistiken."