2008, ich war 39 Jahre alt, brach meine sicher geglaubte Lebenswelt zusammen: Erst kam das Aus für meine langjährige Beziehung, dann verlor ich meinen Arbeitsplatz. Kurz darauf bekam ich die Diagnose Lymphknotenkrebs.

Mein erster Gedanke war: "OK. In ein paar Monaten bist du tot. Gut so." Ich hatte mein Leben aufgegeben und vergrub mich in Selbstmitleid. Die Chemotherapie fing ich ohne rechte Überzeugung an. Doch dann blies mir eine enge Freundin den Marsch mit der provozierenden Aufforderung "Dann stirb doch!".

Das hatte gesessen. Auf einmal wusste ich: Ich brauchte ein neues Ziel. Etwas, das mich wieder am Leben hielt. Bald schon fand ich es: Ich würde mein seit Jahren gewohntes Lauftraining wieder aufnehmen. Und noch im gleichen Jahr meinen ersten Marathon laufen.

Meine Ärzte winkten ab, als sie von dem Plan hörten. "Unmöglich", meinten sie. "Während der Chemotherapie wird es Ihnen immer schlechter gehen. Am schlechtesten gegen Ende der Behandlung, also grade zum Zeitpunkt des Frankfurt-Marathons. Bewegung gern, aber bitte in Maßen."

Sicherlich ist ein Marathon nichts für jeden, der an Krebs erkrankt ist. Ich hatte sogar herausgefunden, dass ich der erste medizinisch dokumentierte Krebspatient wäre, der während einer Chemotherapie erfolgreich an einem Marathon teilnimmt. Aber ich war eine trainierte Läuferin, und mein neues Ziel gab mir so viel Mut und Energie, dass ich das Risiko trotzdem eingehen wollte.

Ich startete also mein Lauftraining, zunächst gegen den Rat meiner Ärzte. Da meine Tagesform während der Chemotherapie mit ihren 14-tägigen Behandlungszyklen stark schwankte, konnte ich nicht auf vorgefertigte Trainingspläne zurückgreifen. Ein, zwei Tage nach den Infusionen waren immerhin kurze Spaziergänge möglich, für den Notfall bewaffnet mit Handy und Geld für ein Taxi. Am dritten Tag schnürte ich dann wieder die Laufschuhe. Bei Umfang und Intensität meines Trainings achtete ich jederzeit genau auf mein Körpergefühl, das mir immer verlässlicher mitteilte, wie weit ich gehen konnte. Bald war mein Körper nicht mehr der Teil von mir, der mich "im Stich gelassen" hatte, nein, ich konnte wieder etwas bewegen durch ihn. Und ich fühlte mich jeden Tag stärker und besser.

Dass es mir auch tatsächlich besser ging, zeigten meine Blutwerte. Normalerweise werden sie während einer Chemotherapie schlechter, bei mir wurden sie hingegen immer besser. Das überzeugte schließlich auch meine Ärzte. Einer wies mich auf ein Sportprogramm speziell für Onkologie-Patienten hin, das die Stiftung Leben mit Krebs gemeinsam mit dem sportwissenschaftlichen Institut der Uni Frankfurt durchführte. 2008 war es noch ein Pilotprojekt, inzwischen gibt es solche Programme flächendeckend in ganz Deutschland.

Die sportmedizinische Betreuung meiner Laufaktivitäten beruhigte auch meine Freunde und Bekannten, die mein Vorhaben zunächst skeptisch beäugt hatten. Der Frankfurt-Marathon 2008 war dann fast schon Routine. Mein ganz an Körpergefühl und Tagesform orientiertes, fachlich begleitetes Training zahlte sich aus. Nach 4:37 Stunden lief ich mit meiner guten Freundin Moni zusammen lächelnd ins Ziel.