Wie ein Häufchen Elend hockten die Hühner auf dem Boden. Sie flatterten nicht und konnten sich kaum noch auf den Beinen halten. Wochenlang waren die Tiere einzig und allein mit weißem, poliertem Reis gefüttert worden. Und genau darin lag die Ursache für ihr seltsames Verhalten. Das zumindest vermutete der niederländische Arzt Christiaan Eijkman. 1887 war er nach Indonesien gereist, um dort die Krankheit Beriberi zu erforschen, die die Menschen in der Spätphase ihres Leidens ebenfalls bewegungsunfähig macht.

Eijkmann experimentierte weiter und schlussfolgerte, dass in der Schale des Reiskorns eine Substanz stecken musste, deren Fehlen sowohl Beriberi beim Menschen als auch die Krankheit der Hühner verursachte. Um was für eine Substanz es sich genau bei diesem "Anti-Beriberi-Stoff" handelte, sollte erst knapp 40 Jahre später herauskommen. Im Silberhäutchen des Reiskorns steckt das Thiamin, eine wasserlösliche, schon in geringen Mengen wirksame Substanz, die auch Vitamin B1 genannt wird.

Die Isolierung des Thiamins fällt mitten in das goldene Zeitalter der Vitaminforschung. Nach und nach wurden die 13 Stoffe entdeckt und beschrieben, auf deren Zufuhr – mit Ausnahme von Vitamin D, das der Mensch unter dem Einfluss der Sonneneinstrahlung selbst bilden kann – wir für den Erhalt unserer Körperfunktionen angewiesen sind. Und genau hier beginnt die Geschichte der Ernährungsempfehlung, die zunächst "eine Geschichte der Mangelvermeidung" ist, wie es die Ernährungsforscher Alexander Ströhle und Andreas Hahn von der Leibniz-Universität Hannover ausdrücken.

Woher wissen wir, wie viel Vitamine unser Körper braucht? "Die Studien, aus denen wir die benötigten Vitaminmengen ableiten, sind meist alt. Tiere oder Menschen wurden mangelernährt und dann geschaut, ab welcher zugeführten Konzentration es gelang, das Defizit wieder aufzuheben", sagt Jan Frank von der Abteilung Biofunktionalität und Sicherheit der Lebensmittel an der Universität Hohenheim. Heutzutage seien solche Studien am Menschen ethisch nicht mehr vertretbar.

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Wohl aber in den 1950er Jahren, als Max Horwitt und Kollegen in den USA einer Gruppe von Männern fünf Jahre lang eine an Vitamin E arme Kost verabreichten. "Die Auswahl der Testpersonen war aber nicht ideal, weil das klassische Vitamin-E-Mangelsymptom, das man aus Studien an Ratten kennt, eigentlich die weibliche Unfruchtbarkeit ist", erklärt Frank. Doch auch bei den Männern traten Probleme auf, ihre roten Blutkörperchen zerfielen auffällig rasch. "Aufgrund dieser Untersuchungen hat man dann die benötigte Mindestzufuhr für Vitamin E festgelegt", sagt Frank. Es wurde und wird auch heute noch geraten, dass Frauen und Männer täglich zwölf beziehungsweise 15 Milligramm Vitamin E zu sich nehmen. 

Künstliches Vitamin E ist umstritten

"Wir wissen aber nicht genau, ob es ein Problem ist, wenn ein Mensch diese Tagesration nicht erreicht. Eventuell kommt der ein oder andere auch mit zehn Milligramm aus, der Bedarf ist sehr individuell", sagt der Forscher, der mit seinem Team an Vitamin E forscht. Vor dem Hintergrund der ursprünglich ermittelten zwölf bis 15 Milligramm sei die Aufnahme der 50-fachen Vitamin E-Menge, wie sie mitunter in Kapselform angeboten würde, allerdings "zumindest bei gesunden Menschen fragwürdig."

Aktuell stagniert allerdings der Absatz von Vitamin-E-Präparaten beziehungsweise ist er sogar etwas rückläufig. Das liegt wohl auch an neueren Studienergebnissen, die der Öffentlichkeit mit deftigen Schlagzeilen präsentiert wurden. "Vitamin E lässt Tumore schneller wachsen", war beispielsweise zu lesen. Im Experiment an Mäusen hatten die verwendeten Vitamin-E-Mengen das Wachstum von Lungentumoren gefördert.

Bereits zuvor hatte eine groß angelegte Studie an mehr als 35.000 Männern in den USA den Verdacht aufkommen lassen, eine regelmäßige Einnahme von hochdosierten Vitamin-E-Präparaten könne das Risiko für Prostatakrebs erhöhen. "Die epidemiologischen Studien zu langfristigen Wirkungen von Vitamin E in unnatürlich hohen Dosen sind nicht ganz unproblematisch. Die Datenlage ist unklar. Manche Studien zeigen ein erhöhtes, manche ein verringertes Risiko für Krebs oder Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems", sagt Frank.