Pommes mit Mayo: Viel Fett, viele Kalorien. Wer hier verzichtet, tut sich was Gutes. Stimmt nur bedingt. © Francesca Schellhaas/photocase.de

Kalorien sind Scheiße. Daran ist auch wissenschaftlich wenig zu rütteln, denn wer den Energiegewinn aus Lebensmitteln erforscht, befasst sich oft mit Exkrementen. Wenn oben etwas reingeht, kommt unten auch wieder etwas raus. Aber wieviel? Und warum? Und was bedeutet das? Diese Fragen beschäftigten Forscher schon in der Weimarer Republik: Um den minimalen Nahrungsbedarf für Soldaten zu berechnen, verglich etwa der deutsche Physiologe Max Rubner den Kaloriengehalt von Lebensmitteln mit dem des Kots, der nach dem Verzehr dieser Lebensmittel entstand. Und heute fluchen unzählige Menschen weltweit, weil sie zwar Kalorien sparen, indem sie Verzicht üben. Aber schlanker werden die meisten nur vorübergehend. Hilft die Kalorienknauserei also überhaupt?

Spätestens seit den Sechzigern ist selbst Forschern klar, dass Kalorien sich nicht einfach zählen lassen wie Murmeln und dass es vermutlich eher auf die Art der Nahrung ankommt als auf die bloße Kalorienmenge. Diesen Schluss zog auch Robert Atkins, eigentlich ein Kardiologe, der aber in jungen Jahren selbst an starkem Übergewicht litt und sich deshalb einer wissenschaftlich recht neuen Diät unterwarf, die hauptsächlich aus pflanzlichem Fett und tierischem Eiweiß bestand (Gordon & Goldberg & Chosy, 1963). Die Kohlenhydratzufuhr dagegen wurde streng limitiert und auf Gemüse und Obst beschränkt. Atkins war von seinem Gewichtsverlust derart begeistert, dass er die Menschheit schließlich mit einer eigenen Version dieser Diät beglückte. Das Konzept: Vergesst die Kalorienzählerei, aber vergesst auch Brot, Nudeln, Frühstücksflocken und Zucker.

Der Rest ist in Mayonnaise ertränkte Geschichte, und zwar eine, die sich noch heute fortsetzt. Denn Atkins widersprach und widerspricht mit seiner erfolgreichen Bestseller-Diät den Empfehlungen einschlägigen Instanzen, wenn es um gesunde Ernährung geht. So rät etwa die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) unbeirrbar zu einer kohlenhydratreichen, fettarmen Kost und legt standardisierte Kaloriengrenzen für verschiedene Berufs- und Altersgruppen fest (Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr, 2013). Im Großen und Ganzen entsprechen diese "evidenzbasierten", also wissenschaftlichen Empfehlungen denen der Amerikaner. Wobei die USA ihren Bürgern detailliertere Anweisungen gönnen: Sie sollen nicht nur Kalorien zählen und Fett sparen, sondern weiterhin gesättigte Fettsäure meiden. Kohlenhydrate dürfen aber bis zu 65 Prozent der Energiezufuhr ausmachen.

Wir wollen mehr Eiweiß und bekommen Kohlenhydrate

Anders als noch vor 20 Jahren ist heute allerdings klar, dass die Übergewichtsepidemie in den Industrienationen und Schwellenländern davon völlig unbeeindruckt geblieben ist. Erst vor zwei Wochen bestätigten die Forscher der Global-Burden-of-Disease-Gruppe, dass die Menschheit immer dicker wird (Ng et al., 2014). In einem Kommentar zu dem aktuellen Dokument legt der Oxford-Epidemiologe Klim McPherson nicht als erster Experte nahe, dass im Kampf gegen die Fettleibigkeit vor allem die Industrie in die Zange genommen werden sollte. Denn Kalorienangaben und Nährwerttabellen auf den Verpackungen hin oder her: Vor allem Big Food hat bislang von den fürsorglichen Ernährungsempfehlungen profitiert.

Vielleicht sind viele Wissenschaftler deshalb wieder auf Atkins gekommen: 2005 postulierte der Ernährungsökologe David Raubenheimer die Proteinhebel-Hypothese (Raubenheimer & Simpson, 2005). Demzufolge ist Eiweiß für die meisten Tiere der Leit-Nährstoff im Essen, auch für den Menschen: Bis unser Protein-Appetit gestillt ist, futtern wir weiter und nehmen dabei auch weiter Kohlenhydrate und Fett auf – also Energie. Die moderne Ernährung allerdings enthält nur noch wenig Eiweiß, sie machen nur noch rund 15 Prozent der Energiezufuhr aus. Mit dem Ergebnis, dass wir insgesamt mehr essen und damit auch die Zufuhr an energiereichen Kohlenhydraten und Fett empor "hebeln".