Mit Masken und Anzügen schützen sich Mediziner und Pfleger in Westafrika vor dem ansteckenden Ebolavirus. © Thomas Strecker

ZEIT ONLINE: Herr Strecker, in Guinea, Sierra Leone und Liberia breitet sich eine Ebola-Epidemie aus. Mehr als 360 Menschen sind bereits gestorben, mindestens weitere 270 haben sich angesteckt. Normalerweise lässt sich das äußerst gefährliche Virus durch Quarantäne von Infizierten leicht stoppen. Doch in Westafrika scheitert dies. Auch weil viele Menschen den Helfern misstrauen. Warum?

Thomas Strecker: Die Gebiete, in denen Ebola ausgebrochen ist, sind weit weg von den Großstädten. Die Regierungen vernachlässigen die medizinische Versorgung dort normalerweise. Das ganze Jahr hindurch fehlt es hier an Unterstützung, obwohl die Leute unter schwerwiegenden Krankheiten wie dem Lassa-Fieber und Malaria leiden. Doch jetzt kommen Ärzte in Schutzanzügen und Masken in die Dörfer und wollen Familienangehörige mitnehmen. Natürlich ist das für die Menschen merkwürdig und es ist klar, dass Gerüchte und Legenden entstehen. Zumal niemand hier vorher das Virus kannte.

ZEIT ONLINE: Was erzählen sich die Menschen?

Strecker: Eine Legende ist, dass wir Mediziner selbst Ebola nach Westafrika eingeschleppt hätten. Eine andere besagt, dass Ärzte Menschen in den mobilen Isolationszentren behandeln, um ihnen dort die Organe zu entnehmen und diese dann verkaufen.

ZEIT ONLINE: Woher kommen solche Gerüchte?

Strecker: Die Leichname der gestorbenen Infizierten werden ihren Familien in undurchsichtigen und nicht wieder zu öffnenden Leichensäcken übergeben. Manche Familien zweifeln, ob sie wirklich den Vater oder ihr Kind zur Bestattung erhalten haben. Die Leichensäcke müssen fest verschlossen sein, um Infektionen mit Ebola zu vermeiden. Das Virus überträgt sich über Körperflüssigkeiten, Körperkontakt zwischen Angehörigen und Verstorbenen gilt es also zu vermeiden. Allerdings widerspricht dies den traditionellen Bräuchen für Beerdigungen in der Region. Nun wird überlegt, Leichensäcke zu nutzen, die eine klare Folie in Kopfhöhe eingearbeitet haben. So wäre wenigstens das Gesicht der Verstorbenen zu sehen.

ZEIT ONLINE: Wie bestatten die Menschen ihre Angehörigen normalerweise?

Strecker: Die Verwandten berühren zum Abschied den Kopf des Verstorbenen, streicheln über das Gesicht, die engsten Familienangehörigen küssen auch die Stirn, um einen persönlichen Abschied zu nehmen. Dies begünstigt die Infektion mit dem Ebola-Virus.

Familien verstecken erkrankte Angehörige

ZEIT ONLINE: Die Furcht vor den Ärzten ist groß, wie Sie sagen. Stimmt es, dass einige Erkrankte deshalb auch von ihren Familien versteckt werden?

Strecker: Ja. Ebola gab es bislang nicht in Westafrika und das sorgt für Verunsicherung und Misstrauen. Die große, unbegründete Angst lautet: Wer Erkrankte in die Obhut der Ärzte gibt, sieht sie nicht lebendig wieder.

ZEIT ONLINE: Warum gelingt es nicht, den Menschen zu vermitteln, dass eine ärztliche Behandlung die Überlebenschancen erhöht und vor allem die Ansteckung verhindert?

Strecker: Die Ärzte ohne Grenzen, das Rote Kreuz und die Vereinten Nationen versuchen natürlich mit Plakaten, Flyern und Radiobotschaften auf die Krankheit aufmerksam zu machen. Telefon-Hotlines sind ebenfalls geschaltet. Aber das Problem ist auch, dass es keinen Impfstoff gegen Ebola gibt und auch keine Medikamente, die das Virus direkt angreifen. Darum sagen sich viele Menschen, wenn man den Infizierten nicht mehr helfen kann, ziehen wir es vor, dass sie im Kreise ihrer Angehörigen sterben.