Was ist dramatischer: Wenn ein Patient stirbt, weil kein Medikament gegen seine Krankheit hilft – oder weil die Arznei, die er zum Überleben braucht, nicht lieferbar ist? Die Frage erscheint absurd. Doch die Wahrscheinlichkeit, dass sie bald gestellt wird, ist größer, als viele Menschen denken. Schuld daran sind Pharmakonzerne, die vor allem auf Gewinnmaximierung aus sind, und Politiker, die zu sorglos mit dem Wohl der Patienten umgehen.

Mehr als 47.000 verschreibungspflichtige Medikamente sind in Deutschland zugelassen. Trotzdem fehlen immer wieder wichtige Arzneien. Manchmal nur für kurze Zeit, manchmal sind sie mehrere Monate lang nicht lieferbar. Nicht alle können durch andere Mittel ersetzt werden. Dabei sind manche Medikamente überlebenswichtig: Krebsmedikamente, Impfstoffe, Antibiotika. Apotheker klagen darüber, dass sie Kunden ohne ein gewünschtes Präparat fortschicken müssten. Krankenhauspharmazeuten verbringen im Monat mehrere Tage nur damit, Arzneien hinterherzujagen, die auf dem üblichen Weg nicht zu bekommen sind. Und manche Ärzte müssen die Behandlung ihrer Patienten sogar unterbrechen oder verändern, weil ein Medikament nicht mehr aufzutreiben ist.

Was ist da los?

Das Gesundheitsministerium hält die Probleme für eher harmlos. Niemand sterbe, teilt die Behörde mit, die Versorgung mit Medikamenten sei in Deutschland grundsätzlich sehr gut. Auch die Pharmaindustrie hält die Sorgen für übertrieben. In Einzelfällen komme es zwar zu Lieferschwierigkeiten, meistens aber seien Ersatzpräparate vorhanden und der Engpass nicht von langer Dauer.

Das klingt gut. Bis man konkreter nachfragt. Wie viele Medikamente fehlen denn genau und für wie lange? Wie viele Patienten sind betroffen, welche Folgen müssen sie ertragen? Und woher kommt der Mangel eigentlich?

Gefährliche Lücke

Kaum ein Markt ist so streng reguliert wie der für Pharmazeutika. Doch an einer entscheidenden Stelle gibt es eine gefährliche Lücke: Niemand zählt offiziell die Fälle, in denen die Mittel ausgehen. Zwar gibt es eine freiwillige Meldeliste zu aktuellen Lieferengpässen von Medikamenten auf der Seite des Bundesamts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Doch sie enthält selten mehr als 15 Einträge. Die Mängellisten der großen Klinikapotheken stimmen außerdem selten mit dem BfArM-Register überein. Eine andere belastbare Statistik gibt es nicht.

Dabei wäre es sinnvoll, wenn sich Gesundheitspolitiker und Funktionäre im Gesundheitswesen einen Überblick über die Engpässe in der Versorgung verschaffen könnten. Dann wüssten sie, ob es tatsächlich kein Problem gibt. Und wenn doch, könnten sie frühzeitig handeln. Doch statt zumindest die Grundlage dafür zu schaffen, die Lage halbwegs objektiv analysieren zu können, ducken sich alle Verantwortlichen weg.

"Wir erleben eine organisierte Verantwortungslosigkeit", sagt Manfred Schubert-Zsilavec, wissenschaftlicher Leiter des Zentrallaboratoriums der Deutschen Apotheker. "Was Deutschland und Europa fehlt, ist ein strategischer Plan: Welche Arzneimittel sind unverzichtbar und wer sorgt dafür, dass sie ausreichend vorhanden sind? Solche Fragen kann man nicht ausschließlich dem Markt überlassen." Auch Torsten Hoppe-Tichy, Krankenhausapotheker der Uniklinik Heidelberg und Vize-Präsident des Bundesverbands Deutscher Krankenhausapotheker, sagt: "Das Problem ist für uns zum Tagesgeschäft geworden."

Bereits 2012 hatte die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) in den Kliniken nachgefragt, ob Medikamente fehlen. Das Ergebnis: Innerhalb eines Monats standen durchschnittlich 25 Präparate nicht oder in nicht ausreichender Menge zur Verfügung. Im vergangenen Jahr waren es im Schnitt 18. Der Kernbestand eines Krankenhaus beläuft sich auf zwischen 400 und 600 Arzneimittel, die Zahl der fehlenden Medikamente erscheint deshalb zunächst gering. Doch in 39 Prozent der Fälle gab es nach Einschätzung der Ärzte keine gleichwertigen Alternativpräparate. Gerade bei Mitteln gegen Krebs und bei Antibiotika seien Umstellungen der meist schwer kranken Patienten auf andere Präparate besonders problematisch und risikobehaftet, schreibt die DKG in ihrem Lagebericht.