Hormonfleisch, Weichstoffe in Nuckelflaschen und Risiken für den Datenschutz – all das könnte uns das Freihandelsabkommen mit den USA (TTIP) bescheren. Bislang nicht bekannt war, dass die amerikanische Pharmalobby im Zuge der Verhandlungen um das Abkommen auch zu verhindern versucht, dass die Öffentlichkeit uneingeschränkten Einblick in die Ergebnisse von Medikamententests bekommt.

Bisher sind Arzneimittelhersteller nicht verpflichtet, die Daten aller Tests eines neuen Medikaments zu veröffentlichen oder der europäischen Zulassungsbehörde Ema (European Medicines Agency) vorzulegen.

Das nährt das Misstrauen, dass Firmen nur solche Daten veröffentlichen, die die Wirksamkeit eines Medikaments bestätigen und die negativen Resultate oder Hinweise auf Nebenwirkungen außen vor lassen. Ein Beispiel ist das einst beliebte, inzwischen vom Markt genommene Schmerzmittel Vioxx. Erst nach Jahren stellte sich heraus, dass es das Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko erhöhte. Nur einer von vielen Fällen, die zeigen, wie wichtig öffentlicher Zugang zu allen verfügbaren Daten über ein Medikament ist.

Bis 2016 will die EU deshalb gesetzlich regeln, wie Arzneimittelhersteller ihre Studien öffentlich machen müssen. Die Ema will sogar schon ab Oktober dieses Jahres neue Regeln einführen. "Transparenz", so sagte deren Direktor Guido Rasi noch vor einem halben Jahr, "ist der Weg in eine bessere Medizin." Doch Mitte Mai legte die Behörde plötzlich einen Entwurf für diese Transparenzregeln vor, der Rasis Maxime widersprach: Unabhängige Wissenschaftler sollten die Studiendaten nur am Bildschirm ansehen dürfen. Runterladen, bearbeiten, kopieren, ausdrucken – alles verboten. Zwar nahm sie auf massiven öffentlichen Druck diese Beschränkungen kurz darauf wieder zurück. Warum aber wich die Behörde überhaupt von ihrer Transparenzpolitik ab und riskierte ihre Glaubwürdigkeit?

Die Transparenzinitiative der Ema ist nicht vereinbar mit TTIP

Medien spekulierten, dass der Leiter der Rechtsabteilung der Ema Ursache des pharmafreundlicheren Kurswechsels sei. Dieser ist erst seit Mitte 2013 juristischer Berater bei der Ema. Zuvor arbeitete er für den italienischen Pharmahersteller SigmaTau und war im europäischen Interessenverband der Pharmaindustrie (EFPIA) aktiv. Doch dem Tagesspiegel liegen Informationen vor, dass die Transparenzinitiative der Ema nicht vereinbar ist mit dem Freihandelsabkommen TTIP.

In einem Brief des US-Pharmaverbands (PhRMA) an den TTIP-Chefunterhändler der USA, Douglas Bell, heißt es: "Das Offenlegen von vertraulichen Daten aus klinischen und präklinischen Studiendossiers und von Patientendaten gefährdet die Gesundheitssysteme und das Wohlergehen der Patienten." Warum mehr Transparenz den Gesundheitssystemen schaden sollte, erklärt der Lobbyverband nicht, macht dem Unterhändler aber deutlich, wie er die Verhandlungen mit der EU zu führen hat: Die Veröffentlichung kommerziell vertraulicher Daten aus einer Marktzulassung, so heißt es drohend im PhRMA-Brief, widerspräche nicht nur den Regeln der amerikanischen Zulassungsbehörde FDA, sondern auch den international geltenden Schutzrechten für geistiges Eigentum der Welthandelsorganisation, dem so genannten TripsAbkommen. "PhRMA und seine Mitglieder fordern die US-Regierung auf, auf allen Ebenen auf die EU einzuwirken, um dieses Problem zu beseitigen."