Zu viele Stunden bis zum Feierabend, zu viele E-Mails nach Feierabend, eine große Zahl an Menschen klagt über Stress im Beruf. Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) will das ändern, vor allem sei der Druck, ständig erreichbar zu sein, gefährlich. Er führe zu psychischen Erkrankungen. Sie will deshalb im kommenden Jahr eine Anti-Stress-Verordnung vorlegen mit Richtlinien für Betriebe, um Arbeitnehmer vor psychischer Belastung zu schützen. Wie diese Vorgaben aussehen könnten, ist kein einfaches Projekt. Jeder empfindet Druck anders, geht unterschiedlich gut oder schlecht damit um. Hinzu kommt, dass Stress und Belastung keineswegs dasselbe ist.

"Stress" ist bestenfalls eine grobe Umschreibung eines Zustandes, der sich von sozialen Beziehungen bis in die Freizeitplanung strecken kann. Stress ist kein Sammelbegriff für Hektik, Unzufriedenheit, Druck, Überlastung und Zeitmangel. Das Wort beschreibt zunächst lediglich, wenn wir körperlich oder psychisch auf eine Bedrohung von außen reagieren. Schlagartig stellen wir uns auf die beiden Alternativen unserer Vorfahren ein: Angriff oder Flucht.  

Stress aktiviert die Atmung und das Herz-Kreislauf-System, stellt Energie bereit und fährt das Immunsystem leicht herunter. Perfekt für den Kampf gegen Konkurrenten oder wilde Tiere. Für Menschen, die gegen Wiedervorlagen im Posteingang und nicht gegen Säbelzahntiger kämpfen, bedeutet Stress volle Konzentration und schnelles Denken während der Arbeit.

Stress ist kein Manager-Leiden

Das alles ist nicht gefährlich. Problematisch wird Stress, wenn er zum Dauerzustand wird. Denn natürlicherweise sollte auf eine Anspannung immer eine Entspannung folgen. Tim Hagemann ist Professor für Arbeitspsychologie und unterscheidet zwischen gutem und schlechtem Stress: "Bei positivem Stress genießt man den Adrenalinkick und es stellt sich Zufriedenheit ein, wenn die Herausforderung gemeistert wurde", sagt er. Blieben diese Erholungsphasen aus, würde Stress zu einer permanenten Belastung und schlecht für den Körper und die Psyche.

Wer viele Pflichten und Aufgaben zu erledigen hat, gerät aber nicht zwangsläufig in eine dauerhafte Anspannung, im Gegenteil. Der Psychiater Manfred Spitzer ist überzeugt, dass nicht Verantwortung die Ursache allen Stresses ist, sondern das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. Am Körper eines Langzeitarbeitslosen ließen sich mitunter die gleichen Anzeichen von Dauerstress diagnostizieren wie bei einem Unternehmensberater. Besonders gefährdet sind im Übrigen eher Assistenten, Sekretärinnen und alle, an denen Manager und Chefs häufig Druck ablassen.

Unternehmen können Burn-out vorbeugen

Der Begriff Stress unterscheidet nicht zwischen Ursache und Wirkung. Also spricht man in der Arbeitswelt mittlerweile von Belastung und Beanspruchung. "Belastung meint eine Bedrohung von außen, die Stress hervorruft", sagt Hagemann. Beanspruchung bezeichne die Reaktionen innerhalb des Körpers. Allerdings sind die Grenzen der Belastbarkeit und die Ansprüche an sich selbst für jeden Menschen anders verteilt. Die Kriterien für eine Anti-Stress-Verordnung nach Andrea Nahles’ Vorstellungen sind sehr schwierig zu ermitteln. Zudem sind Unternehmen längst verpflichtet, den Risikozustand "Burn-out" zu verhindern. An der Umsetzung mangelt es. Feel-Good-Manager leisten sich nur große, prestigeträchtige Konzerne wie Google. Deren Aufgabe ist das Wohlergehen der Mitarbeiter, sie kümmern sich um Wünsche und Bedürfnisse der Menschen im Unternehmen.

Die Geschäftsfrau hat Burn-out, die Hausfrau Depressionen

Belastungen und ihre Folgen nach einem einheitlichen Maßstab bewerten zu wollen, ist vielleicht unmöglich. Auch hier geraten die Begriffe ständig durcheinander. Der eine spricht von Stress, der andere von Druck, die nächste von Herausforderung. Der Bankmanagerin mit drei Kindern diagnostiziert ein Arzt eher Burn-out, der alleinerziehenden Hausfrau eine Depression.

Der amerikanische Psychoanalytiker Herbert Freudenberger verwendete den Begriff Burn-out bereits in den 1970er Jahren. Er meinte damit den Zustand von Pflegern, Sozialarbeitern und Krankenschwestern, die sich besonders oft wegen der hohen Arbeitsbelastung und der Ansprüche an sich selbst "ausgebrannt" fühlten. Betroffene fühlen sich emotional erschöpft, ausgelaugt, leblos und nur eingeschränkt leistungsfähig. 

In Deutschland dümpelte der Begriff lange undifferenziert als Pauschaldiagnose durch die Medien, umfasste Symptome von Gereiztheit nach intensiven Arbeitsphasen bis hin zur schweren Depression mit Suizidgedanken. Da sich jeder etwas darunter vorstellen konnte, fühlte sich auch jeder angesprochen.