Der Streit um den Nutzen des Brustkrebs-Screenings verschärft sich. Dabei lagen längst ermutigende Zahlen aus anderen Ländern vor, als das Mammografie-Programm für Frauen zwischen 50 und 69 im Jahr 2005 in Deutschland startete. Es traf auch deshalb auf viel Zustimmung, weil es einen unhaltbaren Zustand beendete: Im wild wuchernden "grauen" Screening wurden zuvor landauf landab in jedem Jahr an die vier Millionen Mammografien durchgeführt – ohne strenge Qualitätskontrolle. 

Die gibt es nun. Trotzdem nahm kein Geringerer als der Präsident der Bundesärztekammer Frank Montgomery das Mammografie-Screening nicht aus, als er Ende Mai der Berliner Zeitung sagte: "Wir müssen Nutzen und Risiko der Vorsorgeuntersuchungen stärker hinterfragen als bisher."  

Peter Gøtzsche und Karsten Jørgensen vom Nordic Cochrane Centre in Kopenhagen tun das seit Jahren. Ihre letzte Bilanz aus dem Jahr 2013  ist ernüchternd: Von 2.000 Frauen, die zehn Jahre lang zum Screening gehen, wird eine vor dem Tod durch Brustkrebs gerettet, aber zehn gesunde Frauen werden unnötig behandelt, mehr als 200 werden wegen eines anfänglichen Fehlalarms in Angst und Schrecken versetzt. Mammografie-Screeningprogramme fügten zu vielen Frauen Schaden zu, um einer Frau zu helfen, kritisiert seit Jahren auch Ingrid Mühlhauser, Gesundheitswissenschaftlerin an der Uni Hamburg.

Schaden, das heißt nicht nur, dass einige Frauen von einem "falsch positiven" Befund, einem Fehlalarm, beunruhigt und danach durch die diagnostische Mühle gedreht werden. Es meint auch, dass andere Frauen sich in falscher Sicherheit wiegen, weil ein Tumor nicht entdeckt wird oder im Intervall zwischen zwei Untersuchungen entsteht.

Vor allem aber treibt die Kritiker das Phänomen der "Überdiagnostik" um: Geschwulste, die noch innerhalb der sicheren Grenzen der Milchgänge liegen – von Ärzten als duktale Karzinome in situ (DCIS) bezeichnet – werden vielleicht nie zu gefährlichem, Metastasen bildendem Krebs auswachsen. Weil das im Einzelfall kaum zu entscheiden ist, hat ihre Entdeckung aber meist eine Behandlung zur Folge. Und weil es schwer ist, mit einer bekannten Gefahr zu leben. "Übertherapie" nennen es die Kritiker.

Diesen Februar hat der Gesundheitswissenschaftler Anthony Miller aus Toronto im British Medical Journal eine Studie publiziert, für die das Leben von fast 90.000 Frauen mit und ohne jährliche Mammographie über 25 Jahre verfolgt wurde. Das Ergebnis: Die Sterberate beider Gruppen war annähernd identisch, obwohl mit Mammografie mehr Brustkrebs diagnostiziert wurde (Miller et al., 2014).

Allerdings ist die Qualität dieser "Kanada-Studie" umstritten. Die Radiologin Sylvia Heywang-Köbrunner, Leiterin des Referenzzentrums Mammographie München, kritisiert "unakzeptabel schlechte Mammografiequalität" und vermutet Fehler bei der Zuordnung der Frauen in die beiden Vergleichsgruppen.  Die Kooperationsgemeinschaft Mammographie, die das deutsche Programm koordiniert, stützt sich stattdessen auf Analysen wie die der Euroscreen Working Group von 2012. Heywang-Köbrunner rechnet vor: "Bei rund 1.000 Teilnehmerinnen werden durch die regelmäßige Inanspruchnahme der qualitätsgesicherten Mammographie fünf Leben gerettet – und nicht ein Leben oder gar kein Leben, wie immer wieder behauptet wird." Konkrete Auskunft darüber, wie  es mit der Reduktion der Sterblichkeit in Deutschland aussieht, ist aber frühestens 2018 zu erwarten.

Was wir bisher wissen: 80 Prozent der Tumore, die im Screening gefunden werden, haben einen Durchmesser von weniger als zwei Zentimeter, 87 Prozent der Frauen leben nach Diagnosestellung noch mindestens fünf Jahre. Aber 42 von 1.000 Frauen werden nach der Röntgenuntersuchung zeitweise durch einen Fehlalarm beunruhigt. Sie erhöht zudem das Risiko, zur Brustkrebspatientin zu werden – in einigen Fällen unnötigerweise. Jede Frau muss für sich entscheiden, was schwerer in die Waagschale fällt.

Nur wissen viele immer noch zu schlecht Bescheid, wie der Gesundheitsmonitor von Barmer-GEK und Bertelsmann-Stiftung zeigt. Fast jede dritte Frau glaubt sogar, dass eine Mammografie Krebs verhindern kann.  

Das Brustkrebs-Screening im Überblick:

Wie geht das?

Alle Frauen zwischen 50 und 69 Jahren bekommen in Deutschland alle zwei Jahre eine Einladung zur Screening-Mammografie in der für ihren Wohnort zuständigen Screening-Einheit. Wer jünger oder älter ist, kann nicht an diesem Programm teilnehmen und braucht für das Röntgen der Brust einen besonderen Grund.

Was bringt das?

Darüber streiten die Fachleute derzeit heftig. Die Hoffnung ist, dass Brustkrebs im Frühstadium entdeckt wird, wenn die Behandlung größere Chancen auf Heilung bietet. Tatsächlich wird Brustkrebs heute häufiger geheilt. Ob das am Screening oder an verbesserten Behandlungsmethoden liegt, ist noch unklar.

Was sollte man bedenken?

Vor allem müssen Frauen vorab einschätzen, wie gut sie persönlich mit einem Fehlalarm umgehen könnte, einem "falsch-positiven" Befund. Zweitens ist zu bedenken, dass Vorstufen von Karzinomen entdeckt werden können (DCIS oder "duktales Carinoma in situ"), die niemals gefährlich würden – die sicherheitshalber aber trotzdem behandelt werden. Häufig kommt es daher zu "Überdiagnosen" und "Übertherapien".

Lesen Sie kommende Woche den zweiten Teil der Serie "Krebs-Früherkennung": PSA – Umstrittener Test auf Prostatakrebs