Ein Patient unter einem ungenutzten Moskitonetz in einer Quarantäne-Station in Dolo Town bei Monrovia, Liberia © John Moore/Getty Images

Es ist kein Wunder, dass es gegen Ebola weder eine Impfung noch Medikamente gibt; denn die Pharmaindustrie hat kein Interesse daran, in die Erforschung einer Krankheit zu investieren, an der nur alle paar Jahre ein paar Menschen sterben, die eh zu arm sind, um sich Medikamente zu kaufen. Dieses Argument wurde in den vergangenen Wochen immer wieder angeführt, um zu begründen, warum es bis dato kein Mittel gegen Ebola gibt.

Doch das ist etwas zu kurz gedacht. Pharmafirmen sind privatwirtschaftliche Unternehmen. Sie folgen den Gesetzen von Angebot und Nachfrage und sind, streng genommen, niemandem verpflichtet außer sich selbst und ihren Aktionären. "Es ist hundertmal lukrativer, in nicht übertragbare Krankheiten zu investieren oder auch in Lifestyle-Produkte als in Infektionskrankheiten und vernachlässigte Krankheiten", sagt Philipp Frisch, der bei der Organisation Ärzte ohne Grenzen in Deutschland die Medikamentenkampagne koordiniert.

Das mag man unbarmherzig finden. Aber richtig ist: Unternehmen sind der falsche Adressat, wenn es um die Lösung globaler Gesundheitsprobleme geht.

In der Pharmabranche geht es vor allem darum, sich Patente an Medikamenten zu sichern, weil diese einem für eine gewisse Zeit ein Monopol bescheren, sagt Frisch. Diese Patente seien mit einem bestimmten Produktpreis verknüpft. Bis das Patent ausläuft, kann ein Unternehmen so eine Arznei gewinnbringend verkaufen. Danach dürfen Konkurrenten Generika – also Mittel mit dem gleichen Wirkstoff – auf dem Markt bringen. Das drückt den Preis.

Im Fall vernachlässigter Krankheiten, zu denen die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und Ärzte ohne Grenzen etwa die von Parasiten ausgelöste Schlafkrankheit oder die Viszerale Leishmaniose (auch Kala Azar genannt) zählen, funktioniere dieses Prinzip aber nicht, sagt Frisch. Wenn die potenziellen Käufer eines Medikamentes – also die Erkrankten oder deren Regierung – nicht zahlen können, weil sie zu arm sind, fehlt von vornherein der Anreiz für die Investition. Sprich: Ohne Aussicht auf ein Patent wird gar nicht erst ein Mittel erforscht, entwickelt, getestet und hergestellt.

Das Patentrecht bestimmt den Preis

Insofern verwundert das Ergebnis einer im Magazin Lancet veröffentlichten Studie (Pedrigues et al. 2013) nicht: Von den 850 neuen Gesundheitsprodukten, die in den Jahren 2000 bis 2011 zugelassen worden waren, dienten nur 37 – also vier Prozent – der Behandlung vernachlässigter Krankheiten. Als neu gelten dabei auch Medikamente, die vorher schon zur Therapie anderer Erkrankungen zugelassen waren, sowie neue Wirkstoff-Kombinationen. Von den 336 komplett neu entwickelten Wirkstoffen gab es sogar nur vier gegen vernachlässigte Krankheiten: drei gegen Malaria und eins gegen eine Durchfallerkrankung. Etwas gegen die tropischen Infektionskrankheiten, die die WHO als vernachlässigt einstuft, war nicht dabei.

Die Verbindung zwischen Patent und Produktpreis müsse deswegen aufgehoben werden, zumindest wenn es um arme Menschen und vernachlässigte Krankheiten geht, fordern Nichtregierungsorganisationen und Wissenschaftler. De-Linkage nennt sich das, Entkopplung. Doch das Patentsystem zu ändern, dafür sei nicht die Pharmaindustrie zuständig, sondern die Politik, sagt Ärzte-ohne-Grenzen-Aktivist Frisch.

Alternative Produktentwicklung für arme Länder

Eine mittlerweile gängige Art so einer Entkopplung sind Produktentwicklungspartnerschaften, englisch abgekürzt PDP. Darauf setzt zum Beispiel die Non-Profit-Organisation Drugs for Neglected Diseases initiative, kurz DNDi. Mit Geld von Regierungen, Organisationen und Spenden erforscht und entwickelt DNDi Medikamente gegen Leiden, die bisher in Entwicklungsländern nicht richtig behandelt werden können.

Entweder gibt es gegen diese Krankheiten bisher gar keine Medikamente, nur zu teure oder welche mit schweren Nebenwirkungen, oder die verfügbaren Mittel müssten zum Beispiel durchgängig gekühlt werden auf ihrem Weg von der Fabrik zum Patienten, was in entlegenen Regionen armer Länder nicht zu gewährleisten ist.

"Seit mehr als 70 Jahren ist gegen Kala Azar keine neue Behandlung mehr auf den Markt gekommen", sagt die Leiterin von DNDi in Afrika. Die Organisation hat deswegen eine neue Kombination aus zwei altbekannten Wirkstoffen gegen die Viszerale Leishmaniose entwickelt, an der weltweit jedes Jahr etwa 300.000 Menschen erkranken und 20.000 Menschen sterben. Die neue Therapie ist bereits ein Erfolg in Ostafrika (Musa et al., 2012): Sie dauert nur noch 17 statt 30 Tage und ist preiswerter als bisher. Und sie wirkt genauso gut wie die beste Ein-Präparat-Therapie.

Die aktuelle Ebola-Epidemie könnte ebenfalls Schwung in die Entwicklung von Impfstoffen und Therapeutika bringen. Bislang hatten sich vor allem Grundlagenforscher und das Militär für das gefährliche Virus interessiert. Immerhin hat Ebola Biowaffen-Potenzial.

Ursachen bekämpfen statt nur Symptome

So manches in der Tropenmedizin – etwa die Malaria-Prophylaxe und die ursprünglich durchaus giftige Standardtherapie gegen Kala Azar – wurde nur entwickelt, nachdem Kolonialherren in Afrika krank geworden waren oder weil Soldaten in Kriegsgebiete zogen, in denen Parasiten, Bakterien und Viren lauern.

Sinnvoller als gegen einzelne Erreger immer erst hektisch Mittel zu suchen, wenn sie akute Probleme bereiten, wäre einen grundsätzlich neuen Ansatz zu verfolgen: Gesundheitssysteme in Entwicklungsländern müssten auf- und ausgebaut werden, etwa mithilfe von Wissenstransfer innerhalb Afrikas oder durch Entwicklungszusammenarbeit.

Es müssten Alternativen zum gängigen Patentsystem etabliert werden, etwa Produktentwicklungspartnerschaften und "soziale Patente" ohne Gewinnorientierung. Dann wären künftig vielleicht auch solch polemische und doch wahre Aussagen überflüssig, wie sie der führende Tropenmediziner Großbritanniens, John Ashton, letztens im Independent getroffen hat: "Man würde ein Heilmittel finden, wenn Ebola nach London käme."