Kein Medikament wird die schlimmste Ebola-Epidemie der Geschichte aufhalten. Dabei wecken Meldungen aus den vergangen Tagen Hoffnung. Es gibt rund ein Dutzend noch nie an Menschen getestete Mittel gegen die Seuche, die die Weltgesundheitsorganisation (WHO) für vielversprechend erachtet, jetzt Leben retten zu können. Risiken und Nebenwirkungen unbekannt, sicher, aber vielleicht die letzte Rettung für Infizierte? Mitnichten. Die experimentellen Seren, Medikamente und Impfstoffe vermitteln Zuversicht, wo keine ist. Nicht in dieser Krise.

Die Lage in Sierra Leone, Guinea und vor allem in Liberia ist außer Kontrolle. Noch immer stecken sich Menschen mit Ebola an, weitere werden sterben. Völlig offen ist, wie sich das Virus weiter ausbreiten wird.

Infizierten Arzneien zu verabreichen, von denen niemand weiß, ob sie überhaupt helfen würden, ist eine Verzweiflungstat. Vielleicht helfen sie ja. Wer es mit Überlebenschancen von nicht einmal 50 Prozent zu tun hat, überlegt nicht lange. Doch wird sich kaum ein Erkrankter in Westafrika je diese Gedanken machen können. Was in der Diskussion um mögliche Therapien untergeht: Es gibt die Mittel nur theoretisch. Keiner der experimentellen Stoffe, die allein an Tieren getestet worden sind, ist vorrätig. Nicht einmal im Ansatz gibt es genug Dosen, um jene zu behandeln, die sich jetzt anstecken, heute oder morgen erkranken oder deren Organe bald versagen werden. Höchstens einzelnen könnten Mediziner damit helfen – wenn sich denn eine Wirkung einstellen würde.

Zwar überlegen Experten der WHO, welche unerprobten Medikamente in großer Zahl hergestellt werden könnten, um sie im Seuchengebiet zu verteilen. Eine Empfehlung dazu will der Ethikrat in den nächsten zwei Wochen verkünden. Doch die Hilfe, die vielleicht keine ist, wird mit Sicherheit nicht in wenigen Tagen, nicht einmal in ein paar Wochen in Kartons verpackt auf den Ladeflächen der Transporter und Flugzeuge nach Westafrika stehen. Im Zweifel dauert die Produktion Monate, wenn sie überhaupt anrollen kann.

Unerprobte Arzneien nur für ein paar Dutzend

"Bis zu 30.000 Menschen hätten bereits eine (Ebola-)Behandlung oder Prophylaxe benötigt", schreibt der Epidemiologe Oliver Brady im Magazin Nature. Zusammen mit Kollegen hat der Forscher von der Universität im britischen Oxford ausgerechnet, wie viele Dosen einer Arznei, eines Serums oder Impfstoffs nötig wären, um all jene zu erreichen, die im Seuchengebiet leben, helfen oder das Virus bereits in sich tragen. Wohlgemerkt unter der Annahme, es gebe überhaupt etwas, was man den Erkrankten, Infizierten, ihren Angehörigen, den Ärzten und Helfern verabreichen könnte. Das berechnete Szenario sei eine konservative Schätzung, schreibt Brady.

"Unsere Analyse ist grob und hat deutliche Einschränkungen," schreibt der Forscher selbst. Brady und seine Kollegen haben lediglich auf Grundlage vergangener Ausbrüche und der aktuellen Epidemie unter anderem berücksichtigt, wie viele bestätigte Ebola-Infektionen und Todesfälle es schon gegeben hat.

Dann teilten sie die Menschen, die am schnellsten medizinische Hilfe benötigen würden, in vier Gruppen ein. Demnach müssten als erstes Menschen behandelt werden, die sich angesteckt haben. Dann seien Angehörige und enge Freunde dran, die Kontakt zu einem Infizierten gehabt haben könnten. Als Nächstes müsste das medizinische Personal geimpft werden, das Patienten behandelt, gefolgt von Helfern, die Leichen bestatten. Schließlich bräuchten Mitarbeiter von Hilfsorganisationen und solche von Behörden und wichtigen staatlichen Einrichtungen Schutz vor dem Virus. Ein vielleicht sinnvoller und doch banaler Ablaufplan, der absurd anmutet, in einer Situation, in der es die dafür notwendigen Mittel nicht gibt.

Szenarien, die den Mangel offenbaren

"Es ist nicht die Absicht, exakte Zahlen zu liefern, wie viele Dosen (eines Medikaments) benötigt würden", schreibt Brady, "vielmehr geht es darum, den potenziellen Bedarf für mehrere realistische Szenarien abzustecken." Dies lasse sich anhand eines Spreadsheets für verschiedene Situationen berechnen. Die Forscher veröffentlichten es online.

Die Schätzungen der Forscher mögen zynisch erscheinen. Was nützen sie in der aktuellen Krise? Tatsächlich wenig, für künftige Ebola-Epidemien sind sie aber hilfreich. Ihre Untersuchung zeige deutlich, dass die Lager an unerprobten Arzneien "erheblich vergrößert werden müssen", schreibt Brady. Oder überhaupt erst eingerichtet.

Vom Antikörperserum ZMapp, das im aktuellen Ausbruch vereinzelt zum Einsatz kam, gab es insgesamt vielleicht etwas mehr als ein Dutzend Dosen. Liberias Präsidentin sicherte sich die letzten drei für ihr Land, nachdem sie mit US-Präsident Obama telefoniert hatte. Mit den Vorräten für andere experimentelle Arzneien können vielleicht einige Dutzend, höchstens ein paar Hundert Menschen behandelt werden, nicht aber Zehntausende.