Am Ende aller Kräfte im Kampf gegen Ebola: Eine Helferin an der Elwa Klinik in Liberias Hauptstadt Monrovia © Dominique Faget/AFP/Getty Images

Sie liegen vor den Kliniken, krümmen ihre fiebrigen Körper vor Schmerzen und warten auf Hilfe. Für viele wird sie zu spät kommen, der Tod ist schneller. Auch im Lazarett hinter den Schutzzäunen stehen die Chancen kaum besser: Zwar versuchen Mediziner und Pfleger Leben zu retten. Sie arbeiten ohne Unterlass, geben Schmerzmittel und Elektrolyte. Ein Heilmittel aber gibt es nicht. Dutzende Patienten sterben, jeden Tag.

Währenddessen infizieren sich immer mehr Menschen in Westafrika mit dem Virus. Ebola hat sich festgesetzt in der Bevölkerung. Epidemiologen rechnen mit bis zu Hunderttausenden Infizierten und Erkrankten in den kommenden Monaten. Erstmals seit seiner Entdeckung 1976 hat die Krankheit eine Metropole wie Monrovia erreicht. Die Hauptstadt Liberias hat 1,5 Millionen Einwohner. Für sie gibt es kaum noch Hoffnung, jeder zweite könnte sterben. Die Krise habe alle Lebensbereiche erfasst, sagt die UN-Koordinatorin für humanitäre Hilfe Valerie Amos. Das Land breche zusammen. Liberias Verteidigungsminister fürchtet den Untergang seines Landes.

Übertriebene Dramatik? Nein, die Seuche in Westafrika ist beispiellos. Nicht nur für Liberia, auch für Sierra Leone und Guinea, in denen Tausende Menschen erkrankt sind, geht es ums Überleben.

"Diese Epidemie hat das Potenzial die Geschichte zu verändern wie keine andere Seuche zuvor", schreibt Michael Osterholm in der New York Times. Der führende amerikanische Seuchenfachmann leitet das Zentrum für Infektionsforschung und -politik (CIDRAP) der Universität von Minnesota. Auch Richard Besser, der ehemalige Chef der US-Seuchenschutzbehörde CDC, schreibt in der Washington Post: "Ich habe noch nie einen derart beunruhigenden Ausbruch erlebt. Wir haben diese Epidemie unterschätzt und die Menschen in Westafrika bezahlen dafür."

In der Region herrschte vor etwas mehr als zehn Jahren noch Bürgerkrieg. Die wirtschaftlichen und politischen Systeme sind fragil. Gesundheitssysteme sind weit von westlichen Standards entfernt. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) kam vor dem Ausbruch beispielsweise in Liberia ein Mediziner auf 100.000 Einwohner. Es bräuchte aber mehr als 200 um eine adäquate Versorgung sicher zu stellen. Hunderte Helfer eilten in den vergangenen Monaten ins Land, doch Ebola hat seine Bekämpfer vorerst abgehängt. 

Die Experten sind sich einig, dass die Hilfszusagen aus dem Ausland völlig unzureichend sind. Um einen tödlichen Ausbruch wie diesen in einem "erschütternd armen" Land zu stoppen, brauche es "Dollars und Leute", schreibt Besser. Vor allem Mediziner, Pfleger und Schwestern fehlen, um Patienten behandeln zu können. Die WHO hat etwa 450 Frauen und Männer geschickt, internationale Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen zusätzlich Dutzende. Kuba entsendet nun 165 Experten, China stockt seine medizinischen Helfer auf 174 auf. Doch es reicht nicht. 

"Die Welt versteht die Botschaft nicht"

"Ich denke, die Welt versteht die Botschaft nicht", schreibt Ex-CDC-Leiter Besser. Und er führt an, was wohl viele Menschen außerhalb Westafrikas denken: Solange es nicht die eigenen Landsleute trifft, seien viele Nationen kaum bereit mehr zu tun. Doch wenn das Virus so weitermachen kann wie bisher, könnte es Westafrikas Bevölkerung halbieren, mit unvorstellbaren Folgen für die politische und gesellschaftliche Lage in der Region. Greifen die Vereinten Nationen nicht entschieden ein, riskieren sie einen Seuchenzug, der international zur Gefahr werden könnte.

Je länger Ebola Menschen befällt, desto wahrscheinlicher scheint ein Szenario, das bis vor Kurzem niemand aussprechen wollte: Das Virus mutiert, passt sich an. Es liegt in der Natur dieser Organismen, sich rasant zu reproduzieren und Erbgut auszutauschen. Dabei können sie sich zufällig verändern, so dass sie noch mehr Wirte erreichen. In den vergangenen vier Monaten habe sich das Virus stärker von Mensch zu Mensch übertragen als vermutlich in den 500 bis 1.000 Jahren zuvor. Ebola könnte sich bald rascher verbreiten, argumentiert der CIDRAP-Seuchenfachmann Osterholm. Jede neue Infektion bedeute billionenfaches Würfeln mit dem Viren-Erbgut. Was, wenn Ebola so ansteckend wird wie eine Grippe und sich über die Luft verbreitet?

Praktisch hat es das schon gegeben: Kanadische Forscher haben zum Beispiel vor zwei Jahren belegt, dass Schweine Affen mit einem Ebola-Erreger vom gleichen Stamm, wie er jetzt in Westafrika umgeht, über die Luft infizierten (Weingartl et al., 2012). Könnte das auch von Mensch zu Mensch passieren? "Wir haben einfach nicht genug Informationen, um das wissen zu können", sagt der Biologe Andrew Rambaut, der das Erbgut des aktuellen Erregers analysiert hat (Gire et al., 2014). Mutationen geschehen jederzeit, die meisten hätten aber keinen Effekt.