Die Wächter über all jene Gefahren, die Leib und Leben der Menschheit bedrohen, sind wütend und ratlos. Die stärkste Waffe der Weltgesundheitsorganisation ist das Wort. Ob Grippe-Pandemie oder Nuklearkatastrophe: Der Rat und die Empfehlungen der WHO sind meist sachlich, stets fundiert, praktisch nie aufgeregt. Die Ebola-Krise in Westafrika ändert das.

"Die WHO wird die Welt zur Rechenschaft ziehen, auf diesen äußersten Notfall zu reagieren, der mit beispiellosen Dimensionen menschlichen Leidens daherkommt." So endet die vorerst letzte Mitteilung der Organisation. Die betroffenen Staaten hätten all ihre Möglichkeiten ausgeschöpft, das Virus unter Kontrolle zu bringen. Sie verlieren den Kampf.

In Guinea, Sierra Leone, vor allem aber in Liberia gibt es kaum Ärzte und medizinische Helfer, Leichen verwesen auf den Straßen, jede Isolierstation ist überfüllt mit Menschen, die den Erreger schon in sich tragen oder dies befürchten müssen. In Liberias Hauptstadt Monrovia suchen ganze Familien für Angehörige, die sich infiziert haben könnten, Hilfe. Sie steigen in Busse und Taxis, rasen durch die Straßen, um einen Arzt zu finden. Im Gepäck könnten sie Ebola haben, das Virus unbeabsichtigt streuen.

Allein in Liberia leben mehr als vier Millionen Menschen, auf knapp 100.000 Einwohner kommt nur ein Arzt. Und auch die Mediziner stecken sich an, sterben. Von mehr als 150 infizierten Ärzten und Pflegern hat das Virus mindestens 79 schon den Tod gebracht. Es fehlt nicht nur am Nötigsten für die Helfer, um sich selbst zu schützen: Handschuhe, Mundschutz, Desinfektionsmittel. Es gibt zu wenig Betten für die Patienten, kaum Schmerzmittel oder Elektrolyte, die einzigen Mittel, um kranke Körper irgendwie im Kampf gegen einen Erreger zu unterstützen, der jeden zweiten Infizierten tötet.

Die Welt müsse endlich helfen, fordert die WHO. Die Zahl neu bestätigter Infizierter könne exponentiell steigen. In den kommenden drei Wochen rechnen Experten mit Tausenden von neuen Fällen. Allein in Liberia.

Wie konnte es passieren, dass ein Erreger, tödlicher zwar als die meisten Grippeviren, aber weniger ansteckend, eine ganze Region ins Chaos gestürzt hat? Warum ist es so weit gekommen? Was kann jetzt noch helfen?

Ebola war in Westafrika unbekannt

Der 6. Dezember 2013 ist der Ausgangspunkt des schlimmsten Ebola-Ausbruchs der Geschichte. An diesem Tag tötete das Virus einen Zweijährigen aus Guéckédou, einer Stadt in Guinea mit rund 5.600 Einwohnern. Epidemiologen und Genetiker identifizierten ihn erst Monate später als Patient null (Baize et al., 2014). Vermutlich fand Ebola über Bushmeat seinen Weg in die Blutbahn des Jungen. In der Natur schlummert der Virus in Flughunden, kann Affen befallen. Der Junge bekam Fieber, erbrach sich, wurde immer schwächer. Nach seinem Tod wurden auch seine Schwester, Mutter und Großmutter krank. Sie alle starben.

Ebola war ihnen unbekannt, nie zuvor war das Virus in diesem Teil des Kontinents aufgetaucht. Zumindest wusste es niemand. Erst kürzlich veröffentlichten Virologen die Ergebnisse genetischer Untersuchungen, die zeigen, dass bereits 2006 einzelne sich mit Ebola infizierten. Damals wurde die Diagnose aber nicht gestellt (Schoepp et al., 2014). Wer in Westafrika krank wird, den pflegen meist Angehörige. Ärzte und Kliniken gibt es kaum, der Begriff Gesundheitssystem ist ein Fremdwort. Krankheiten wie Malaria kennen sie hier, Fieber ist nichts Besonderes. Ohne es zu wissen, steckten sich die Menschen mit dem tödlichen Ebola-Erreger an. Er steckt im Schweiß, Blut, Erbrochenen, in Kot oder Urin von Infizierten. Niemand sagte ihnen, dass sie Abstand zu Kranken und Verstorbenen halten müssen, um sich zu schützen. Unmöglich in Gegenden, wo meist die ganze Familie zusammenlebt. Hier umarmen und küssen die Menschen ihre Toten; das ist üblich, um sich vor der Beerdigung von ihnen zu verabschieden. Eine innige Tradition, die es einem Virus leicht macht, sich neue Wirte zu suchen.

Als die ausländischen Helfer schließlich kamen und mehr und mehr Menschen erkrankten, schien vielen klar: Die Seuche wurde eingeschleppt. Aus Angst vor dem Fluch versteckten nicht wenige Familien ihre erkrankten Liebsten daheim. Denn wer sie in die Obhut der Männer und Frauen in Schutzkleidung gab, sah sie selten lebendig wieder. Bis heute ist vielen Menschen im Seuchengebiet nicht klar, was Ebola ist. Die Aufklärung kommt nur schleppend voran. Helfer und Ärzte wurden anfangs sogar angegriffen. Das Bewusstsein für die Seuche entwickelt sich nur langsam.