Wer den Entschluss fasst, sich selbst zu töten, muss nicht sterben. Es gibt zahlreiche Wege, Menschen den Willen zum Leben zurückzugeben – die Möglichkeiten sind aber oft nicht ausreichend bekannt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat deshalb ihren ersten Bericht zur Suizidprävention veröffentlicht (Preventing Suicide, 2014). 

Die Botschaft ist deutlich: "Dies ist ein Aufruf, ein großes Problem der öffentlichen Gesundheit anzugehen, das zu lange tabuisiert worden ist." So formuliert es die Generaldirektorin der WHO, Margaret Chan. Regierungen weltweit müssten viel mehr tun, um Menschen zu helfen, die an Suizid denken.

Die Autoren des Berichts haben Daten und Erfahrungen vor allem aus Nordamerika, Europa, Australien und Asien zusammengetragen. Die Lage sei ernst:

  • Geschätzt 804.000 Menschen töteten sich im Jahr 2012 selbst. Die tatsächliche Zahl der Todesfälle dürfte aber noch höher sein: Viele Länder registrieren Selbsttötungen nicht als solche, sondern fälschlicherweise als Unfälle.
  • Suizid ist die zweithäufigste Todesursache unter den 15 bis 29-Jährigen weltweit.
  • Drei Viertel aller Selbsttötungen wurden in Ländern gezählt, in denen Menschen im Schnitt wenig bis sehr wenig Geld zur Verfügung haben.
  • Deutlich mehr Männer als Frauen töten sich selbst. In reichen Staaten wie Deutschland oder den USA nehmen sich etwa dreimal so viele Männer wie Frauen das Leben.
  • Weltweit betrachtet steigt die Suizidrate mit dem Alter. Unter Menschen ab 70 Jahren ist sie am höchsten. Allerdings ist sie in einigen ärmeren Ländern unter jungen Menschen höher.
  • Laut den Experten kommen auf jeden Suizid eines Erwachsenen mehr als zwanzig Menschen, die versuchen, sich das Leben zu nehmen.

Es gibt viele Gründe dafür, dass Menschen sich das Leben nehmen wollen. Sie lassen sich kaum verallgemeinern. Traumatische Erlebnisse durch Kriege oder Naturkatastrophen beispielsweise können das Gefühl vermitteln, es gebe keinen Ausweg. Diskriminierungen, (sexuelle) Gewalt, psychische Störungen, Drogenabhängigkeit, Existenzängste, chronische Schmerzen oder Probleme mit Freunden oder in der Familie können Suizidgedanken auslösen. Häufig sind seelische Leiden der Ausgangspunkt. Vieles davon ließe sich behandeln und heilen – doch Hilfe ist oft nur schwer zu bekommen.

Das Ziel: Die Suizidraten weltweit bis 2020 um zehn Prozent senken

Die WHO fordert die Gesundheitsminister der Welt und die Regierungen auf, Präventionsmaßnahmen zu erstellen und bestehende Hilfsangebote zu verbessern. Es gelte, Suizid behutsam aber entschieden zu thematisieren und Pläne zu erstellen, wie gefährdeten Menschen geholfen werden soll.

Derzeit gebe es nur 28 Länder, die eine nationale Strategie zur Suizidprävention hätten. Deutschland ist eines davon. Hierzulande nehmen sich 10.000 Menschen jedes Jahr das Leben. 2012 waren es 8.124 Männer und 2.621 Frauen. "Es sterben in Deutschland mehr Menschen durch Suizid als durch Verkehrsunfälle, Gewalttaten, illegale Drogen und Aids zusammen", teilte die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention (DGS) mit.

"Wir wissen, was helfen kann", wird der Leiter der WHO-Abteilung für psychische Gesundheit in einer Pressemitteilung zitiert. "Nun ist es Zeit, etwas zu tun." Der weltweite Präventionsbericht stellt mehrere Ansätze vor:

  • Schussverletzungen und Vergiftungen gehören zu den häufigsten Methoden, mit denen sich Menschen das Leben nehmen. Daher würde es helfen, den bisher oft leichten Zugang zu Feuerwaffen sowie Pestiziden und Medikamenten zu erschweren.
  • Beratungsstellen und Gesundheitsdienste müssen geschult sein, um gefährdete Personen zu erkennen. Psychische Erkrankungen wie Depressionen, Psychosen und Alkoholprobleme können Suizidabsichten fördern oder auslösen.
  • Mit Gesetzen und Regelungen sollten die Länder den Fokus auf Hilfsangebote legen. Seelsorge-Angebote und Kampagnen in Städten und der Nachbarschaft seien nützlich. Menschen, die offen über ihre Suizidgedanken sprechen oder psychisch erkrankt sind, sollten Anlaufstellen haben und in manchen Fällen regelmäßig besucht und beraten werden.
  • Aufklärung sei nicht nur Teil des Gesundheitswesens, Suizid darf auch in Schulen, Universitäten, am Arbeitsplatz und in öffentlichen Einrichtungen kein Tabuthema sein.
  • Medien sollten über Suizide zurückhaltend berichten und darauf verzichten, die Umstände einer Selbsttötung detailliert zu beschreiben.

Weiter sollten Staaten Daten zu Suiziden sammeln und Forschung in diesem Bereich fördern. Nur so ließe sich das Ziel erreichen, die Suizidrate bis 2020 weltweit um mindestens zehn Prozent zu senken. Schon im Mai 2013 hatten sich die Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen mit dem WHO-Aktionsplan für psychische Gesundheit dafür ausgesprochen (WHO Mental Health Action Plan 2013-2020, 2013). 

Seelische Leiden werden oft unterschätzt. Klicken Sie auf das Bild, um zur Artikel-Serie "Psychisch krank" zu gelangen.

Anmerkung der Redaktion: ZEIT ONLINE geht behutsam mit dem Thema Suizid um, da es Hinweise darauf gibt, dass bestimmte Formen der Berichterstattung zu Nachahmungsreaktionen führen können. Suizidgedanken sind häufig eine Folge psychischer Erkrankungen. Letztere können mit professioneller Hilfe gelindert und sogar geheilt werden.

Wer Hilfe sucht, auch als Angehöriger, findet sie etwa bei der Telefonseelsorge unter der Rufnummer 0800 - 111 0 111 und 0800 - 111 0 222. Die Berater sind rund um die Uhr erreichbar, jeder Anruf ist anonym, kostenlos und wird weder auf der Telefonrechnung noch dem Einzelverbindungsnachweis erfasst. Weitere Beratungsangebote sind etwa hier auf den Seiten der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention zu finden.

Hilfe für Angehörige Suizidgefährdeter bietet auch der Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker unter der Rufnummer 01805 - 950 951 und der Festnetznummer 0228 - 71 00 24 24 sowie der Emailadresse seelefon@psychiatrie.de.