Kinderärzte geben ihren jungen Patienten deutlich weniger Antibiotika als noch vor fünf Jahren. Hausärzte verordnen alten Leuten ebenfalls weniger der Medikamente. Das klingt nach einer guten Nachricht. Denn schon lange beklagen Wissenschaftler, in Deutschland würden zu viele Antibiotika eingesetzt, und die oft gegen die falschen Krankheiten. Beispielsweise gegen Virusinfekte, gegen die die Mittel gar nicht helfen. Antibiotika können nämlich nur Bakterien bekämpfen.

Haben die Ärzte also dazugelernt? Leider nur teilweise. Denn Kinder- und Hausärzte verschreiben zwar insgesamt weniger, dafür aber zunehmend mehr solche Antibiotika, die ursprünglich nur als Reservemittel für besonders hartnäckige Fälle gedacht waren. Dies zeigt eine Auswertung umfassender Krankenkassendaten, die ZEIT ONLINE vorliegen. Setzen Ärzte die Arzneien falsch ein, züchten sie ungewollt gefährliche resistente Erreger, die im schlechtesten Fall nicht mehr bekämpft werden können.

Das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland hat anhand bundesweiter und kassenübergreifender Abrechnungsdaten von niedergelassenen Vertragsärzten der Gesetzlichen Krankenversicherung erhoben, wie sich die Verordnung von Antibiotika zwischen 2008 und 2012 entwickelt hat. Danach ging der Anteil der Kinder bis 14 Jahre, denen ihr Kinderarzt Antibiotika verschrieben hat, seit 2009 von 41 Prozent kontinuierlich bis auf 37 Prozent zurück. Unter Menschen ab dem 70. Lebensjahr ist eine ähnliche Entwicklung zu beobachten.

Bemerkenswert ist das, weil sowohl Kinder als auch alte Leute deutlich mehr Antibiotika verschrieben bekommen als Menschen in der Lebensmitte. Sie sind im Allgemeinen ohnehin eher krank und haben ein schwächeres Immunsystem.

Neue Impfregeln könnten ein Grund für die rückläufigen Zahlen unter Kindern sein. Seit 2006 empfiehlt die Ständige Impfkommission, Kinder bis zum zweiten Geburtstag gegen Pneumokokken zu impfen. Das sind Bakterien, die Lungenentzündungen auslösen können. Verschiedene Untersuchungen belegen, dass die Zahl der Infektionen durch Pneumokokken dank der Impfung deutlich gesunken ist.

Die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte hat dazu geführt, dass in dieser Statistik im Jahr 2012 Patienten doppelt aufgeführt wurden. Deshalb sind die Zahlen dieses Jahres hier nicht eingegangen. © ZEIT ONLINE

Unklar ist dagegen, ob die Erhebung des Zentralinstituts unter alten Menschen das ganze Bild wiedergibt. Wissenschaftler um Versorgungsforscher Jörg Bätzing-Feigenbaum vermuten, dass ältere Menschen einen Teil ihrer Antibiotika im Krankenhaus bekommen, weil sie häufiger dort behandelt werden. Diese Verordnungen sind in den ausgewerteten Daten jedoch nicht enthalten.

Auffällig ist auch, dass sich in der Altersklasse zwischen 15 und 69 Jahren an der Menge der verschriebenen Antibiotika in den vergangenen Jahren nichts verändert hat. Trotz seit Jahren anders lautender Empfehlungen wird immer noch die gleiche Menge der Arzneien verschrieben.

"Die Entwicklung, die wir bei Kindern und Jugendlichen sehen, ist außerordentlich erfreulich. Würden sich die niedergelassenen Ärzte noch mehr an die verfügbaren Leitlinien halten, wann und in welchem Umfang Antibiotika verordnet werden sollen, müsste die Kurve auch in anderen Altersbereichen nach unten zeigen", sagt Bätzing-Feigenbaum.

Die Wissenschaftler haben ebenfalls erhoben, welche Sorte von Antibiotika die Haus- und Kinderärzte ihren Patienten verordneten. Immerhin gibt es Dutzende verschiedene solcher Medikamente, die mit unterschiedlichen Wirkstoffen und auf verschiedenen Wegen heilen.