Ist das Virus schon unter uns? Die Schlagzeilen dieser Tage scheinen es zu bestätigen: Der Ebola-Erreger könnte bereits einen globalen Seuchenzug begonnen haben. In Spanien kämpft eine Krankenschwester gegen das tödliche Virus. Sie hatte sich bei einem Missionar angesteckt, der von der spanischen Luftwaffe aus Sierra Leone ausgeflogen wurde. Weitere Personen, die sich ebenfalls in Westafrika angesteckt haben, werden in Spezialkliniken in Europa und den USA behandelt. Ein Patient in einem Leipziger Krankenhaus ist heute gestorben. Alles Einzelfälle, die wie die Vorboten einer Katastrophe anmuten. Fast vergessen scheinen dabei die Hunderten von Menschen in Westafrika, die sich täglich neu infizieren und von denen mehr als jeder Zweite sterben wird.

Vor allem ein Mann hat die Wahrnehmung außerhalb Afrikas verändert. Seine Geschichte hielten viele Seuchenwächter kaum für möglich. In den USA starb am 8. Oktober Thomas Eric Duncan an den Folgen einer Ebola-Infektion. Ein Flugreisender aus Liberia – er brachte das Virus in ein Land, dessen Seuchenschutz zu den besten der Welt zählt. Unbemerkt. Und alles lief schief, was schieflaufen konnte: Duncan wurde krank wieder nach Hause geschickt, die Information, dass er aus Liberia eingereist war, nicht weitergegeben. Drei Tage später wurde er schließlich ohne besondere Sicherheitsvorkehrungen in eine Klinik in Dallas gebracht. Erst da begriffen Mediziner den Ernst der Lage. Bis zu 100 Kontaktpersonen mussten geprüft werden, zum Glück ohne positiven Befund auf den tödlichen Erreger. Und doch infizierte sich eine Krankenschwester der Klinik.   

Wenngleich Thomas Eric Duncan bisher der Einzige war, der noch ohne ansteckend zu sein das Virus auf einen anderen Kontinent brachte: Haben Seuchenwächter und Risikoexperten den Erreger unterschätzt? Die globale Vernetzung bringt Staaten dichter zusammen, in acht bis neun Flugstunden könnte Ebola von Monrovia nach Frankfurt gelangen.

An Flughäfen in den USA und nun auch in London Heathrow sowie demnächst in Gatwick messen Mitarbeiter unter ankommenden Passagieren aus Guinea, Sierra Leone und Liberia Fieber. Fluggäste, die über Westafrika ins Land kommen, werden nach ihren Reiserouten gefragt und nach den Menschen, zu denen sie womöglich Kontakt hatten. 

Einstellung des Flugverkehrs wäre absurd

Ob dies hilft, ist fraglich. Es sei unwahrscheinlich, dass das Screening Infizierte entdecke, sagte selbst Großbritanniens Chief Medical Officer Sally Davies der BBC. Die oberste Gesundheitsberaterin des Landes betonte, dass der Vorteil der eher "plumpen Methode" vor allem darin bestehe, Menschen für die Symptome einer Erkrankung zu sensibilisieren. Das Vorgehen sei aber keineswegs nur eine politische Geste. Amerikanische Senatoren aus Kentucky, Louisiana und Texas fordern hingegen für die USA, den Flugverkehr aus Westafrika ganz zu unterbinden. Eine absurde Idee.   

Schottet sich die Welt von Westafrika ab, wird dies das Virus nicht aufhalten. "Natürlich wäre es schrecklich, wenn wir Ebola-Fälle auch in Deutschland sehen würden", sagt der Virologe Stephan Becker von der Uni Marburg. "Das große Problem liegt aber nach wie vor in Westafrika. Wir müssen versuchen, vor Ort den Ausbruch zu stoppen. Nur so können wir sicherstellen, dass niemand bei uns mit Ebola einreist." 

Modelle zu weltweiten Flugbewegungen zeigen bereits, dass es wenig ausmachen würde, den Luftverkehr einzuschränken. Dirk Brockmann von der Humboldt-Universität Berlin hat mit seinem Kollegen Dirk Helbing aus Zürich die Ausbreitung von Ebola über den Flugverkehr am Computer simuliert. Was würde passieren, wenn nur noch zehn Prozent aller Flüge Westafrika verließen? "Wenn es so weitergeht, wird sich die Zahl der Infizierten dort alle drei Wochen verdoppeln", sagt Brockmann. "Das Seuchenwachstum wird daher die Flugrestriktionen über kurz oder lang ohnehin aufheben." Eine Ausbreitung ließe sich also höchstens verlangsamen.