Und plötzlich wirkt auch das nächste Antibiotikum nicht mehr. Wichtige medizinische Verfahren wie Chemotherapie, Organtransplantation und Dialyse macht das zur tödlichen Gefahr, weil sie das Immunsystem der Patienten so sehr schwächen, dass sich der Körper nicht selbst gegen Keime wehren kann. Diese Bakterien, die Antibiotika bekämpfen sollten, sind unempfindlich dafür geworden. Auch Lungenentzündungen und Blutvergiftungen sind häufig nicht mehr behandelbar.

Warnungen gibt es genug. "Das Problem ist so ernst, dass es die Errungenschaften der modernen Medizin bedroht", heißt es in einem dramatischen Bericht der Weltgesundheitsorganisation vom Sommer 2014. Das Weltwirtschaftsforum zählt Antibiotika-Resistenz mittlerweile zu den größten Risiken für die Weltwirtschaft. Und wer in Deutschland mit Infektiologen, Mikrobiologen und Ärzten spricht, hört stets die gleichen Sätze: "Da rollt eine Katastrophe auf uns zu." "Wir verlieren jeden Monat Patienten, die wir nicht mehr behandeln können." "Gegen manche multiresistenten Keime haben wir bald kein Medikament mehr, und in den nächsten zehn Jahren wird es auch keines geben."

Jedes Jahr sterben in Deutschland nach offiziellen Schätzungen 7.500 bis 15.000 Menschen an Infektionen, die überwiegend durch Antibiotika-resistente Erreger verursacht wurden. Recherchen von ZEIT ONLINE, DIE ZEIT und CORRECT!V deuten jedoch darauf hin, dass die Zahl weit größer ist. Aus Abrechnungsdaten aller deutschen Krankenhäuser geht hervor, dass es Ärzte im vergangenen Jahr bei verstorbenen Patienten mehr als 30.000 Mal mit einem der drei meistverbreiteten multiresistenten Keime MRSA, ESBL oder VRE zu tun hatten. So oft rechneten sie eine entsprechende Diagnose oder Behandlung ab. Ob alle diese Menschen tatsächlich auch an den Keimen starben, lässt sich daraus nicht zweifelsfrei ablesen. Fachleute von Krankenkassen rechnen aber damit, dass diese Zahlen noch zu niedrig sind, weil Kliniken nicht alle diese Diagnosen abrechnen. Die Daten zeigen zudem, dass seit 2010 die Zahl der abgerechneten VRE-Diagnosen um 40 Prozent gestiegen ist, die der ESBL-bildenden Keime um 50 Prozent. 

Wie konnte es soweit kommen?

Wer das verstehen will, kann bei Ärzten in Praxen und Krankenhäusern beginnen, in den Zentralen der Pharmaunternehmen, bei Landwirten und Politikern, sogar bei den Patienten selbst – sie alle tragen dazu bei, dass das Problem immer größer wird. Weil sie zwar die Lösung kennen, sie aber nicht konsequent durchsetzen. Weil Menschen zwar intelligent sind, sich aber nur langsam auf neue Situationen einstellen.   

Woher die tödlichen Keime kommen und warum Multiresistenzen so gefährlich sind

Die Bakterien entwickeln sich derweil immer weiter. Ihrer Verbreitung hilft es, wenn Ärzte Zeitdruck haben und die Patienten mit einem Breitbandantibiotikum abfertigen, wenn Krankenhausmitarbeiter aus Bequemlichkeit einfache Hygienemaßnahmen unterlassen. Für die Bakterien ist es egal, dass die Pharmaunternehmen wegen ihrer  Renditeerwartungen Antibiotika für ein schlechtes Geschäft halten und dass es die Gier nach billigem Fleisch ist, die Tiermäster dazu bringt, massenhaft Antibiotika zu verbrauchen.

Bakterien sind vor allem schnell. Sie vervielfältigen sich etwa alle 20 Minuten. Ständig entstehen so Keime, deren Erbgut sich verändert hat. Weil Bakterien in Milliarden zählen, sind immer einige darunter, gegen die die Medizin noch kein Mittel gefunden hat. Wer ihnen beikommen will, darf sich keine Laxheit erlauben.

Deshalb lohnt es sich, zunächst einen Blick in den eigenen Medikamentenschrank zu werfen. Da liegt zwischen angebrochenen Halspastillen und halb geleerten Hustensaftflaschen oft eine Packung abgelaufener Antibiotika. Einige Tabletten sind weg, aber nicht alle.