InfectoPharm hat ein Problem: Der Arzneimittelhersteller hat kein Penicillin mehr. Wenigstens nicht solches, das in den Muskel gespritzt wird. Darauf allerdings sind einige Patienten dringend angewiesen: Wenn sie an Syphilis leiden. Sie haben nun ein Problem. Denn InfectoPharm behauptet von sich, nicht nur der bedeutendste deutsche Hersteller von Penicillinpräparaten zu sein. Das Unternehmen ist auch das einzige, das es als Spritze in den Muskel vertreibt.

Schon am 18. Februar schrieb das Heppenheimer Unternehmen einen Brief an das Aufsichtsamt für Arzneimittel BfArM. Pendysin, ein Penicillinpulver zum Auflösen, sei auf unbestimmte Zeit nicht mehr lieferbar. Man habe den Wirkstoffproduzenten gewechselt und der neue Lieferant konnte nicht schicken. Allerdings konnten die Heppenheimer damals noch Ersatz anbieten.

Damit gehört InfectoPharm noch zu den verlässlichen Herstellern. Schließlich hat das Unternehmen Ärzte und Apotheker von seiner Notlage in Kenntnis gesetzt. "Das ist längst nicht immer der Fall", sagt Torsten Hoppe-Tichy, Leiter der Krankenhausapotheke des Uniklinikums Heidelberg.

Seit dem 23. Juli aber kann InfectoPharm auch sein Ersatzmittel nicht mehr anbieten. Nun stünden dem Vertrieb eine "bauliche Revision des Herstellungsbereiches und unerwartet hohe Nachfrage wegen Lieferunfähigkeit von Vergleichspräparaten in Europa" im Weg.

Es ist nicht so sehr der Ausfall selbst, der aufhorchen lässt, als vielmehr die Gründe, die zu ihm führten. Denn sie sind symptomatisch für eine ganze Branche. InfectoPharm, so lernt man erstens, stellt sein Penicillin gar nicht selbst her, sondern bezieht es von einem anderen Unternehmen. Zweitens ist spritzbares Penicillin in Europa derzeit auch von weiteren Firmen nicht mehr zu haben, mit Ausnahme eines spanischen Herstellers. "So wird ein einzelnes Problem eines Herstellers zu einer Notlage für Ärzte und Patienten", sagt Hoppe-Tichy.

Wie aber kann es sein, dass in ganz Europa dieses bestimmte Penicillin ausgeht?

"In Deutschland müssen drei Unternehmen die gesamte Versorgung mit wichtigen Antibiotika absichern", sagt Bork Bretthauer, Sprecher des Herstellerverbandes Pro Generika. Der Kostendruck sei so hoch, dass sich nur noch wenige Unternehmen die Produktion der Bakterienkiller leisten würden.

Tatsächlich sind herkömmliche Antibiotika zumindest auf dem deutschen Markt kein lohnendes Geschäft. Zwar kostet eine Packung des wichtigen Breitbandantibiotikums Amoxicillin mit zehn Tabletten bei der Versandapotheke DocMorris 12,51 Euro. Wenn man bedenkt, dass 2011 in Deutschland 72,6 Millionen Tagesdosen Amoxicillin verordnet wurden, käme eigentlich eine beachtliche Summe zusammen.

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Doch diese Rechnung lässt außer Betracht, dass die Apotheker pro Medikamentenpackung eine Pauschale von 8,51 Euro erhalten – ganz gleich, ob die Arznei mehrere Tausend Euro oder nur wenige Cent kostet. Dazu kommen drei Prozent Aufschlag auf den Großhändlerpreis, von dem der Apotheker das Amoxicillin bezieht. Auch der Großhändler arbeitet nicht umsonst. Er erhält 3,15 Prozent auf den Herstellerpreis plus 70 Cent. "Zieht man diese Fixbeträge von den 12,51 Euro ab, bekommt der Hersteller nur noch etwa 1,20 Euro für seine Zehnerpackung Amoxicillin, auf die er den Krankenkassen dann noch umfangreiche Rabatte gewähren muss", sagt Bretthauer.

"Damit aber lassen sich in Europa kaum alle Schritte der Produktion für ein generisches Medikament bezahlen", sagt Thomas Rudolph. Seit 15 Jahren analysiert er für die Unternehmensberatung McKinsey in Düsseldorf die Entwicklungen auf dem Arzneimittelmarkt. Seine Beobachtungen lassen erschrecken. Unbemerkt von der Öffentlichkeit sei ein ganzer Industriezweig von der europäischen Landkarte verschwunden: Die Wirkstoffsynthese und Produktion, vor allem für Antibiotika. "Bis in die neunziger Jahre kamen etwa 80 Prozent aller Wirkstoffe aus Europa und den USA und wurden von den Pharmaherstellern selbst weiterverarbeitet", schätzt Rudolph. Heute kämen vier von fünf Substanzen aus China und Indien.

Jenseits des indischen Ozeans hat sich eine Branche etabliert, die im reichen Europa kaum wahrgenommen wird: Die API-(Active Pharmaceutical Ingredients)-Industrie liefert den Pharmaherstellern nun die Wirkstoffe, mit denen sie ihre Medikamente bestücken – oder sogar von weiteren Dienstleistern bestücken lassen. "Ob Rohstoffe, Zwischenprodukte, Wirkstoffe, Fertigprodukte, Verpackungen – die Herstellung eines Arzneimittels lässt sich ohne größeren Aufwand in viele einzelne Schritte zerlegen", sagt Rudolph.

Es ist ein lukratives Geschäft, das sich dort am anderen Ende der Welt entwickelt hat. Rund 22,1 Milliarden US-Dollar waren den Nachahmerfirmen, den Hexals, Stadas oder Tevas dieser Welt ihre Wirkstoffe im Jahr 2011 wert. Fast die Hälfte (45 Prozent oder knapp 10 Milliarden) des Umsatzes, ging an chinesische Produzenten, Indien folgt mit etwa 14 Prozent (etwa drei Milliarden), und die übrigen 41 Prozent verteilen sich auf den Rest der Welt.

Auch das von InfectoPharm so dringend benötigte Penicillin gibt es fast nur noch in China. Nach Recherchen von McKinsey wurden im Jahr 2009 weltweit 59.000 Tonnen produziert. Den größten Teil davon benötigt die Lebensmittelindustrie. Er wird vor allem in Mastanlagen für Schweine und Hühner verbraucht. 95 Prozent dieser Menge lieferten wenige Großhändler aus China.