Es ist knapp zehn Tage her, da wurden im Berliner Stadtteil Kreuzberg-Friedrichshain zwei junge mutmaßliche Dealer von einem erbosten Wirt und seinem Freund schwer verletzt. Die beiden Verdächtigen hatten sich nach eigenen Angaben bedrängt gefühlt und bereits mehrfach die Polizei gerufen. Seitdem redet ganz Deutschland von den unhaltbaren Zuständen im Görlitzer Park, wo sich die Dealer tummeln und der Schwarzmarkt trotz aller Razzien ungehindert weitergeht.

Mehr Polizei, fordern die einen. Büsche und andere Verstecke reduzieren, schlagen andere vor. Die tolerierten Cannabis-Mengen verringern, verlangt die Drogenbeauftragte der Hauptstadt. Entsetzt sind alle. Man könnte meinen, es hätte schon bessere Zeiten gegeben, um für die Legalisierung von Hanf mit ein paar Spots im Kino zu werben. Oder eben gerade nicht.

Der Deutsche Hanfverband, das ist die professionelle Lobby der Legalisierungsbefürworter, hatte nicht ahnen können, was im Vorfeld seines großen Events in Berlin passieren würde, zu dem der Vorsitzende Georg Wurth am Montagabend ins Cinestar-Kino am Potsdamer Platz geladen hatte. So ganz stimmt das auch wieder nicht, denn natürlich hatten sie schon lange die Abstimmungen in den USA vor Augen gehabt, wo am 4. November mit Oregon und Alaska zwei weitere Bundesstaaten für die regulierte Freigabe des Genuss-Hanfes gestimmt haben, insgesamt sind es jetzt vier, wobei fast zwei Dutzend Staaten bereits den sogenannten Medizinalhanf erlauben.

Die Cannabis-Lobby wittert ihre Chance

Das sind Zustände, von denen der Hanfverband und Millionen Kiffer und Patienten in Deutschland nur träumen können. Noch, wenn es nach den Vorstellungen von Georg Wurth geht. Denn beflügelt von den Entwicklungen in dem Land, das einst den War on Drugs erfunden hat, wittert auch der Lobbyist eine Chance.

In der Tat rollt aus den Tiefen der Republik gerade unverhofft eine Welle der Zustimmung heran. Kaum ein Tag scheint zu vergehen, an dem nicht aus einer neuen, unverdächtigen Ecke die unwahrscheinlichsten Geister ein Ende der aktuellen Prohibitionspraxis fordern. Oder zumindest ein bisschen mehr Pragmatismus und weniger Ideologie. 

Das Thema ist im Fokus. Es bewegt sich irgendwie etwas. Freudig erregt sah man Wurth deshalb die Premieren-Leinwand im gut gefüllten Saal auf und ab laufen. Soviel Interesse für das Thema Cannabis-Legalisierung, das lange praktisch überhaupt keine Lobby hatte. In der Tat eine erstaunliche Entwicklung.

Führende Strafrechtler hatten jüngst in Frankfurt ein Umdenken gefordert, der Vorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter denkt in eine ähnliche Richtung, und vor ein paar Tagen erst hat sich auch noch der Chef der Gewerkschaft der Polizei über die nutzlose Beschäftigung mit kleinen Kiffern beschwert, was für eine Zeitverschwendung das sei, ganz schlimm. Georg Wurth: "So einen unglaublichen Stimmungswandel, so intensiv und so schnell, habe ich in 20 Jahren Drogenpolitik nicht gesehen!", sagt er leicht errötet am Rande der Veranstaltung.

Er ist aufgeregt, denn die Profis gehen jetzt erstmals medial auf breiter Front in die Offensive: Fast eine halbe Million Euro haben sie investiert, um mit drei Werbefilmen in den Kinos die Zuschauer zum Nachdenken über die Vorteile einer Legalisierung beziehungsweise die Nachteile der gängigen Praxis anzuregen.

Die Konzentration auf die großen Leinwände ist dabei nicht ganz freiwillig: Kein angefragter Fernsehsender war bereit, die Spots zu senden. Geht nicht, der Rundfunkstaatsvertrag und so, hieß es ganz allgemein. Oder: zu politisch. Oder es kam gar keine Antwort. Kiffen scheint für deutsche TV-Verantwortliche noch ein richtig heißes Ding zu sein. Es besteht natürlich kein Zusammenhang, aber: Wundert sich noch jemand, warum die Serie Breaking Bad nicht hierzulande erfunden wurde?