Vor der Stationsküche sehe ich Maria Müller* am Kaffeetisch stehen. Sie füllt ein Glas mit Kakao. Müller ist Patientin in der Charité, sie hat einen multiresistenten Keim. Damit sie andere Patienten nicht anstecken kann, ist sie eigentlich in einem Zimmer isoliert. Dennoch bewegt sie sich auf der Station, sie benutzt die Behindertentoilette auf dem Gang. Nachts, erzählen mir Schwestern, sei sie manchmal stundenlang im Haus unterwegs.

Bis zu 15.000 Menschen sterben nach offiziellen Zahlen jährlich in deutschen Krankenhäusern an vermeidbaren Infektionen. Tatsächlich sind es wohl viel mehr, haben Recherchen von ZEIT ONLINE, DIE ZEIT, Funke-Medien-Gruppe und CORRECT!V ergeben. Als verdeckter Reporter bin ich zwölf Tage lang auf der Gastroenterologie der Charité im Berliner Stadtteil Wedding unterwegs. Auf dieser Station liegen vor allem Patienten mit Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts oder der Leber. Ich will herausfinden, wie die hygienische Versorgung im größten Universitätsklinikum Europas funktioniert.

Beworben hatte ich mich als Praktikant. Ich kann sofort anfangen, eine Einweisung in Pflege und Hygiene brauche ich offenbar nicht. Auf der Station spiele ich einen etwas tollpatschigen Spätzünder, der einen Ausbildungsplatz in der Krankenpflege möchte.

Knapp drei Wochen später werte ich meine Erfahrungen aus. Ich habe Patienten mit multiresistenten Keimen gesehen, die sich auf der Station bewegten, ohne sich die Hände zu desinfizieren. Besucher und Patienten waren oft schlecht informiert. Viele  Patienten habe ich auf die Keime angesprochen: Die meisten hatten keine Ahnung oder verdrängten das Problem. Und ich habe Personal gesehen, das sich und andere vor resistenten Erregern nicht immer geschützt hat.  

In direktem Kontakt mit Patienten

Um 6.30 Uhr beginne ich im Schwesternzimmer meinen ersten Arbeitstag, Morgenbesprechung. Worte wie Teerstuhl oder Sammelurin geben einen Ausblick auf die kommenden zwölf Frühschichten. An den kommenden Tagen teile ich bis 14 Uhr Essen aus und sortiere Hunderte Spritzen, Kanülen und Katheter in passende Behälter. Dazu messe ich bei den Patienten den Blutzucker und Vitalwerte wie Druck und Puls. Die ganze Zeit arbeite ich in direktem Kontakt mit den Patienten; auch mit den Keim-Patienten in den bis zu sieben isolierten Zimmern. Niemand kontrolliert das.  

In der ersten Woche lerne ich ein freundliches Ehepaar kennen. Der Mann trägt einen multiresistenten Keim auf der Haut. Aus der Morgenbesprechung weiß ich: Seine Frau übernachtet mit ihm im isolierten Zimmer. Die beiden laufen oft an mir vorbei zum Kaffeetisch, ohne sich die Hände zu desinfizieren. Ich frage ihn, welchen Erreger er hat. Er weiß es nicht. Er kann mir auch nicht sagen, woher der Keim kommt. Ebenso wenig klar ist ihm offenbar, wie er sich verhalten soll.

Woher die tödlichen Keime kommen und warum Multiresistenzen so gefährlich sind

Die meisten Patienten in den isolierten Zimmern bekommen wie er Besuch von Freunden und Verwandten. Eigentlich müssen sich die Gäste beim Personal melden, bevor sie das isolierte Zimmer betreten. Nicht ein einziges Mal beobachte ich eine solche Meldung. Und die Besucher sollten eigentlich mit Informationszetteln über die Keime versorgt werden, doch die Flyer warten dutzendfach kopiert in einem Hygieneordner auf ihren Einsatz.

"Es ist keine schriftliche oder mündliche Bestätigung des Patienten erforderlich, über Hygiene und Keime aufgeklärt worden zu sein", sagt Peter Walger, Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene. Das gilt auch für die Besucher. Die Erfahrung aus anderen Krankenhäusern lehrt allerdings, dass sich das Verhalten von Patienten und Besuchern verändert, wenn sie verstehen, warum schützende Maßnahmen notwendig sind.