ZEIT ONLINE: Frau Piening-Lemberg, Sie haben mir eben die Hand gegeben. Keine Angst vor bösen Keimen?

Piening-Lemberg: Wir achten auf Hygiene und ich desinfiziere mir regelmäßig die Hände. Aber in der sprechenden Medizin ist es wichtig, dass der Gesprächspartner merkt, dass ich mich ihm zuwende. Ich gebe Patienten immer die Hand.

ZEIT ONLINE: Manchen Patienten mag das mutig vorkommen, zumal wenn bei ihnen ein multiresistenter Erreger diagnostiziert wurde, MRSA zum Beispiel oder ESBL.

Piening-Lemberg: Diese Diagnosen lösen Unsicherheit und Angst aus. Das ist auch kein Wunder. Da kommen Sie ins Krankenhaus, weil Sie am Knie operiert werden sollen oder weil Sie einen Schlaganfall hatten, und dann sagt man Ihnen: Sie haben einen multiresistenten Keim, wir müssen Sie isolieren. Schnell fühlt man sich wie ein Aussätziger, als sei man gefährlich. Die Isolierung stigmatisiert den Menschen. Wenn er das Zimmer verlassen darf, muss er eine Schutzausrüstung tragen. Sie können sicher sein: Neben den setzt sich auf der Terrasse niemand.

ZEIT ONLINE: Ist ein solcher Patient nicht eine Art Aussätziger? Immerhin trägt er einen Erreger in sich, der gefährlich werden kann, wenn er eine Infektion auslöst.

Piening-Lemberg: Die meisten Patienten, bei denen ein solcher Keim gefunden wird, sind nicht krank, sie sind nur Träger des Erregers. Das muss der Arzt dem Patienten erklären. Isoliert werden die Patienten, um andere Menschen zu schützen: die Mitpatienten, das Pflegepersonal, die Ärzte. Das ist das Besondere an MRSA. Als wir damals den Ehec-Ausbruch hatten, wurden die Patienten schwer krank. Für sie war es leichter zu verstehen, warum sie abgeschirmt werden mussten. Oder nehmen Sie Leukämiekranke, bei denen das Knochenmark transplantiert werden muss. Sie verstehen unmittelbar: Ich bin ungeschützt, jeder Keim könnte mich umbringen. Aber die multiresistenten Besiedlungen tun dem Patienten zunächst einmal nichts. Trotzdem stellen sie eine Gefahr für andere dar. Wir Mitarbeiter tragen deshalb Schutzkleidung, um den Keim nicht zu anderen Patienten weiterzutragen. Dieser Zusammenhang ist vielen Patienten nicht klar.

ZEIT ONLINE: Die ersten Krankenhaustage im Einzelzimmer verbringen – mancher Patient würde viel darum geben.

Piening-Lemberg: Klar haben wir Schlimmeres zu bieten als Isolierungsmaßnahmen wegen multiresistenter Keime. Aber Sie dürfen nicht unterschätzen, was das bedeutet: im schlechteren Fall wochenlang einen entpersonalisierten und reduzierten Kontakt zu allen anderen Menschen. Die einzigen Leute, denen sie da begegnen, tragen Schutzkittel, Mundschutz, Handschuhe und ein Haarnetz. Sie sehen nicht mehr als die Augen. Und dann desinfizieren die sich jedes Mal die Hände, wenn sie Sie angefasst haben.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet das für das Seelenleben des Kranken?

Piening-Lemberg: Das ist individuell unterschiedlich. Erst mal sind die Kontakte zum Personal durch die Schutzkleidung distanzierter. Wenn die Patienten das Zimmer nicht verlassen dürfen, sind sie abhängiger vom Pflegepersonal. Schwestern und Pfleger bündeln die notwendigen Maßnahmen wegen des erhöhten logistischen Aufwandes oft und betreten die Patientenzimmer so seltener. Das ist zwar sinnvoll, doch der Patient erlebt die Zeiten dazwischen als Leere und fühlt sich ausgegrenzt.

ZEIT ONLINE: Wartenmüssen ist eine Grunderfahrung jedes Krankenhauspatienten. Muss man das nicht aushalten?

Piening-Lemberg: Das können Sie einem seelisch stabilen Patienten sagen. Aber wir haben es sehr oft mit alten, vielleicht dementen Menschen zu tun. Sie erleben das völlig anders. Sie haben ohnehin schon Ängste und Orientierungsschwierigkeiten. Dann kommen sie ins Krankenhaus und plötzlich sind sie nur noch von Marsmenschen umgeben. Sie können die Leute unter den Kitteln nicht unterscheiden: Kommt da gerade die Schwester, der Arzt oder das Essen? Je schwerer sie krank sind, desto weniger Orientierungspunkte finden sie. Auf einer Intensivstation können Sie ja nicht einmal unterscheiden, ob Tag oder Nacht ist. Da erleben sie völlige Hilflosigkeit. Menschen, die mit Eingesperrtsein Vorerfahrung haben, kann das traumatisieren.

ZEIT ONLINE: Wie reagieren diese Patienten auf die Isolierung?

Piening-Lemberg: Sie werden unruhig, bekommen Angst. Deshalb klingeln sie oft, suchen Sicherheit, manchmal Dutzende Male am Tag. Das stresst das Pflegepersonal. Wer gereizt ist, geht aber weniger freundlich mit den Patienten um. Die wiederum erleben das als neuen Grad der Abweisung. Häufig werde ich dann gerufen mit der Frage: Hat der Patient vielleicht eine Depression? Kann man nicht Medikamente geben, die ihn weniger aggressiv machen? Ich könnte das tun, manchmal ist das auch angezeigt. Doch häufig sind diese Verhaltensweisen nur Ausdruck des Unbehagens, das die Patienten mit der Situation haben.

ZEIT ONLINE: Was kann man tun?

Piening-Lemberg: Wenn Sie die Wissenschaft fragen, werden Sie keine Antwort darauf erhalten, es gibt so gut wie keine Studien dazu. Meine Antwort ist menschlich-pragmatisch: Zuwendung. Das heißt, die Ängste ernst zu nehmen. Natürlich ist aus medizinischer Sicht eine Isolierung wegen eines Keims ein Klacks, wenn man sie mit einer schweren Chemotherapie vergleicht. Doch so denkt der Patient nicht. Gleichzeitig dürfen wir nicht überpsychologisieren. Manchmal reicht es schon, zu sagen: "Das ist aber auch doof für Sie."

ZEIT ONLINE: Es geht also vor allem um Mitgefühl?

Piening-Lemberg: Nicht nur. Auch um Planung und Absprachen. Schwestern können mit Patienten besprechen, welche Dinge sie warum zusammenfassen und wann sie das nächste Mal ins Zimmer kommen. Das müssen sie dann aber auch tun. Regelmäßige verlässliche Kontakte sind wichtig, weil der Patient sich dann nicht vergessen wähnt. Es hilft, sich noch einmal zum Patienten umzudrehen, wenn man den Kittel wieder ausgezogen hat: "Schauen Sie, so sehe ich wirklich aus." 

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