Vor einigen Jahren lief in Frankreich eine große Werbekampagne. Zur besten Sendezeit wurden im Fernsehen hustende Menschen im Fahrstuhl oder fiebernde Kinder im Bett gezeigt. "Les antibiotiques, c’est pas automatique", lautete der Slogan der Spots, auf deutsch "Antibiotika? Nicht automatisch". Nicht bei jeder Angina sollten die Menschen gleich zu Antibiotika greifen, war die Botschaft. Sie ist angekommen.

Noch vor gut einem Jahrzehnt war Frankreich besonders von den lebensgefährlichen Infektionen durch multiresistente Bakterien betroffen: Ein europaweit überdurchschnittlich hoher Konsum von Antibiotika und mangelhafte Hygiene in Krankenhäusern hatten den Keimen den Weg geebnet. Inzwischen aber hat Frankreich Deutschland bei der Bekämpfung resistenter Bakterien eine Menge voraus. Die Zahlen für einige Bakterien wie MRSA haben sich seit 2005 halbiert, bei anderen sind sie zumindest stabil.

Die landesweite Kampagne, weniger Antibiotika zu nehmen, damit weniger resistente Bakterien in den Umlauf geraten, war dabei nur ein Baustein. Mindestens ebenso wichtig wurde der Versuch genommen, die Übertragung solcher Bakterienstämme einzudämmen. Im Krankenhausalltag ist es mühsam, resistente Bakterien zu bekämpfen. Infizierte müssen isoliert werden, Pfleger und Ärzte müssen akribisch und immer wieder ihre Hände desinfizieren. Freiwillig geschieht das in Krankenhäusern nur selten. Deshalb setzt die oberste französische Gesundheitsbehörde HAS private und öffentliche Kliniken gleichermaßen unter Druck. Einmal jährlich kommen ihre Beamten für eine Woche in jedes Krankenhaus. Sie analysieren Blut- und Urinproben der Patienten und beobachten den Alltag auf den Stationen. "Bakterien verbreiten sich epidemienhaft, wenn wir nicht systematisch gegen sie vorgehen", sagt eine Sprecherin des Pariser Gesundheitsministeriums.

Woher die tödlichen Keime kommen und warum Multiresistenzen so gefährlich sind

Jeder Bürger kann anschließend im Internet nachsehen, welche Note die Klinik für den Kampf gegen multiresistente Bakterien erhalten hat, von A wie sehr gut bis E wie mangelhaft. Scope-santé heißt das Projekt. Wenn Operationsbestecke nachlässig desinfiziert oder die Angehörigen nicht ausreichend aufgeklärt wurden, wird das dabei in langen Berichten schonungslos aufgelistet.

Solch eine unabhängige Prüfung gibt es in Deutschland nicht, hier schreiben die Kliniken ihre Qualitätsberichte selbst. Die Kontrolle darüber, wie gut Ärzte und Pfleger desinfizieren, ist freiwillig. Zwar nehmen inzwischen viele Hundert Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen an dem Programm namens KISS – die Abkürzung steht für Krankenhaus-Infektions-Surveillance-System – teil, gezwungen wird aber niemand. Und die Ergebnisse sind anonym. Kein deutscher Patient kann nachschauen, ob seine Klinik bei der Hygiene vorbildlich oder schlampig arbeitet.

Überwachen, schulen und schützen

In Frankreich geht die Kontrolle viel weiter. Gesonderte Hygienekomitees überwachen an jedem französischen Krankenhaus, ob Ärzten und Pflegern gefährliche Fehler unterlaufen. "Leitlinien und allgemeine Informationen helfen nicht weiter", sagt Thierry Fosse, Leiter des Hygienestabs an den drei Unikliniken in Nizza. Sein Team besteht aus zehn Mitgliedern und überwacht, ob sich Krankenschwestern und Pfleger ausreichend desinfizieren. Es diskutiert mit dem Personal beispielsweise, ob eine Infektion auf ihrer Station hätte verhindert werden können, wenn der Katheter nur so lange im Körper des Patienten geblieben wäre, wie es unbedingt nötig war.