Hinter einer gefährlichen Idee steckt meist kein kranker Geist, sondern ein Wissenschaftler auf der Suche nach Erkenntnis. So war es bei Albert Einstein und der Atombombe und bei Ron Fouchier und seinen Killerviren. Auch der Chemiker John Huffman hatte nichts Böses im Sinn, als er in den 1980er Jahren eine neue Droge erfand – im Gegenteil: Das von ihm entwickelte synthetische Cannabis war zur Therapie chronisch kranker Menschen gedacht. Wie natürliches Cannabis sollte es Schmerzen lindern und Krämpfe lösen – nur weitaus gezielter und wirksamer.

Huffman und seine Mitarbeiter, damals an der Clemson University in South Carolina, bastelten aus Molekülen etwa 450 künstliche Cannabinoide zusammen. Einige davon zeigten in Versuchen an Mäusen die erwünschte Wirkung. Zu Arzneien wurden sie jedoch nie weiterentwickelt. Was stattdessen passierte, ist wohl der Albtraum jedes Wissenschaftlers.

Huffmans Forschungsergebnisse gelangten in falsche Hände. Drogenhändler beschafften sich seine Publikationen, kochten die Droge nach seinem Rezept nach.

2006 bekam der Chemiker einen Anruf von der US-Strafverfolgungsbehörde. Seine Stoffe waren auf dem europäischen Markt aufgetaucht. Der Freiburger Toxikologe Volker Auwärter hatte Huffmans Substanzen in als Kräutermischungen deklarierten Rauschmittelpäckchen der Londoner Firma Psyche Deli entdeckt (Auwärter et al., 2009): Diese Mischungen namens "Spice", "Skunk" und "Yucatan Fire" waren unter anderem mit JWH-018 getränkt, einem besonders einfach herstellbaren Cannabinoid aus Huffmans Repertoire. 

Legal Highs fallen in eine Gesetzeslücke

Ohne es zu wollen, hatte der amerikanische Chemiker also einen neuen Drogenmarkt geschaffen – noch dazu einen, der sich nicht in den Griff kriegen lässt, bis heute nicht. Das Problem: Das deutsche Betäubungsmittelgesetz untersagt nur bekannte Drogen. Dazu zählt etwa der Cannabis-Wirkstoff Tetrahydrocannabinol (THC), und seit 2011 auch die in Spice und K2 enthaltenen Verbindungen – nicht aber die vielen neuen Cannabinoide, die jedes Jahr auftauchen. Weit mehr als hundert neue Stoffe zählte die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EBDD) zwischen 2009 und 2013, fast 30 pro Jahr. Solange sie nicht von Gesetz erfasst werden, zählen sie zu den sogenannten Legal Highs.

Cannabinoide herzustellen ist kein Kunststück. Eine kleine Änderung an der Molekülstruktur – und schon wird aus einer verbotenen Substanz eine neue, die genauso wirkt und vom Gesetz noch nicht erfasst ist. Den Kern von JWH-018 etwa bildet das Molekül Indol, das sich unter anderem aus acht Kohlenstoffen und einem Stickstoff-Teilchen zusammensetzt. Tauscht man einen der Kohlenstoffe durch ein weiteres Stickstoffatom aus, so erhält man Indazol, das sich ebenso gut als Cannabinoid-Grundbaustein eignet wie Indol.

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"Man kann es sich vorstellen wie einen Baukasten mit Komponenten, die sich in unzähligen Kombinationen zusammenfügen lassen", sagt Volker Auwärter vom Universitätsklinikum Freiburg. Neue Cannabinoide lassen sich schneller und einfacher zusammenbasteln, als das Betäubungsmittelgesetz ergänzt und aktualisiert werden kann. "Das Gesetz hinkt immer etwa ein Jahr hinterher", sagt der forensische Toxikologe. Die letzte Änderungsverordnung, die die Liste verbotener Stoffe um rund 30 neue Substanzen erweitert hat, stammt von Juli 2013. Laut EBDD sind allein im Frühjahr dieses Jahres wieder fünf hinzugekommen.

Solange die Stoffe legal sind, kann der Staat nicht gegen den Handel damit vorgehen. Außerdem wird die Legalität häufig missverstanden: "Viele Menschen stufen Legal Highs als harmlos ein. Sie glauben, was nicht verboten ist, kann so gefährlich nicht sein", sagt Auwärter. Ein fataler Irrtum, denn synthetisches Cannabis ist weitaus schädlicher als natürliches.

THC besetzt im Gehirn Rezeptoren, die als molekulare Schalter für die Steuerung eines Nervennetzwerks zuständig sind, das Herzschlag, Körpertemperatur und Appetit reguliert und uns zu Gedächtnisleistungen wie Motivation befähigt. CB1 heißen sie. Normalerweise steuert der Körper diese Prozesse, indem er CB1-Rezeptoren in bestimmten Hirnregionen mit eigenen Botenstoffen hemmt oder aktiviert.

Der Cannabis-Wirkstoff dagegen heftet sich wahllos an die Schalter im Gehirn an und bringt das Nervensystem aus dem Konzept. Wer gekifft hat, kennt die Folgen: Man fühlt sich entspannter und friedlicher, aber auch unkonzentriert, antriebslos und hungrig. 

Synthetische Cannabinoide haben eine ähnliche dreidimensionale Form wie THC und kleben sich ebenfalls an diese Rezeptoren – allerdings deutlich stärker als THC. Das Cannabinoid JWH-018 zum Beispiel hat eine etwa zehnmal so große Affinität zu CB1 wie THC. Das hat nicht nur einen heftigeren Rausch zur Folge, sondern auch bedrohlichere Nebenwirkungen.