Zu seinem eigenen Schutz beobachtet Tankred Stöbe seine Patienten durch eine Glasscheibe: Ebola-Kranke, die sich in Freetown infiziert haben und nun um ihr Überleben kämpfen. Der Vorstandsvorsitzende von Ärzte ohne Grenzen in Deutschland ist derzeit in Sierra Leone im Einsatz. Mit seinen Kollegen überwacht er die Intensivstation eines Behandlungszentrums, 22 Menschen haben hier Platz.

Noch am Donnerstag waren alle Betten auf seiner Intensivstation überbelegt. "Selbst wenn die Zahlen sinken, gibt es ständig neue Ausbrüche", sagt Stöbe. Täglich würden neue Patienten zu ihm kommen. Einige stehen auf keiner der Listen, auf denen die Helfer Kontaktpersonen von bereits Erkrankten eintragen. Für Stöbe ein Zeichen, dass das Virus längst nicht unter Kontrolle ist. "Wir wissen nicht, wo sie sich angesteckt haben."

Mehr als 21.000 Menschen haben sich bis heute mit Ebola infiziert, über 8.400 sind an den Folgen des Virus gestorben – offiziell. Die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen, bis heute können Helfer und Behörden nicht alle Fälle erfassen. Zwar scheint sich die Lage vor allem in Liberia und auch in Guinea zu bessern, doch dies ist kein Grund zur Entwarnung. Eine Unachtsamkeit kann reichen und Ebola kehrt mit aller Schlagkraft zurück.

Das Virus wütet weiter, wenn auch nicht so stark wie in den vergangenen Monaten:

  • Sierra Leone hat seinen bisherigen Höhepunkt der Krise gerade erst überwunden. In den schlimmsten Phasen – im November vergangenen Jahres – infizierten sich in dem Land mehr als 500 Menschen pro Woche. Nach aktuellen Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind es nun noch 184 Fälle in demselben Zeitraum. Das Land verzeichnet bis heute mehr als 10.000 Infizierte und mehr als 3.000 Tote.
  • Auch in Guinea, wo Behörden derzeit 42 Infektionen pro Woche verzeichnen – der niedrigste Stand seit August 2014 –, gibt es keine Entwarnung. Mehr als 2.800 haben sich seit Ausbruch der Krankheit infiziert.
  • Nicht einmal in Liberia erklären Experten den Kampf gegen die Seuche mit mittlerweile nur noch 8 Fällen pro Woche für gewonnen.

"Das ist nicht wie bei einem Erdbeben, das nur eine kurze Zeit anhält und im Anschluss können die Aufräumarbeiten beginnen", erklärt Johannes Schad, Leiter des Ebola-Behandlungszentrums des Deutschen Roten Kreuzes in Monrovia. "Es ist mehr wie ein Schwelbrand von unbekannter Dauer." Seine Kollegen und er würden zwar Zeichen der Entspannung sehen, da Ebola aber nicht behandelbar sei, bleibe es eine Gefahr.

Mit alten Gewohnheiten kommt auch das Virus zurück

In der Vergangenheit seien die Fallzahlen schon mehrfach gesunken, um dann wieder rasant zu steigen. Ein Grund: Die Menschen haben alte Rituale wieder aufgegriffen, zum Beispiel traditionelle Beerdigungen. Schad fürchtet, die Bevölkerung würde auch dieses Mal mit der Zeit nachlässiger mit Sicherheitsvorkehrungen umgehen.

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Also versuchen Ärzte, Helfer und Behörden weiter umzusetzen, womit sie erst Monate nach Ausbruch der Seuche wirklich beginnen konnten: Erkrankte isolieren, ihre Kontaktpersonen beobachten und die Toten sicher beerdigen. Für einen schnellen Rückgang der Erkrankungen müssten alle diese Maßnahmen zu 100 Prozent durchgeführt werden – ein Ziel, das die WHO zum 1. Januar dieses Jahres erfüllen wollte. Geplant war, jeden einzelnen Erkrankten zu isolieren und behandeln, in einem von mehr als 7.000 geplanten Behandlungsbetten. Gelungen ist das nicht. Rund 1.200 Betten sind einsatzfähig, 23 Prozent der Erkrankten wurden offiziell isoliert, 24 Prozent kamen nie in Quarantäne und über jeden zweiten Ebola-Fall gibt es keine Daten. Zudem sollten 370 Beerdigungsteams sicherstellen, dass jeder Ebola-Tote in Westafrika sicher bestattet wird. Bislang stehen 166 Teams zur Verfügung.

Auch weil es noch immer Zweifel und Trotz gegenüber den westlichen Praktiken gibt. Dass Liberias Präsidentin Ellen Johnson Sirleaf mittlerweile entgegen allen Tabus empfohlen hat, Leichen zu verbrennen und dafür plädiert, die Hilfe aus dem Ausland anzunehmen, steigert zwar die Akzeptanz. Doch "oft trauen sich die Betroffenen gar nicht in die Klinik", sagt Johannes Schad. Sie hätten Angst vor den Einrichtungen, die jeder zweite Erkrankte nicht lebend verlässt.

Leere Zelte in Liberia

So kommt es, dass für die Isolierung und Therapie provisorisch errichtete, aber gut ausgerüstete Zelte dieser Tage oft leer stehen. Hilfsgüter seien viel zu spät in Liberia angekommen und nun müsse alles wieder abgebaut werden, kritisierte jüngst eine Leiterin einer liberianischen Klinik. In anderen Regionen gebe es dagegen weiterhin zu wenig Helfer für zu viele Patienten. Die Verteilung der Hilfen scheint unorganisiert. Es helfe nichts, ein Behandlungszentrum nach dem anderen zu errichten, wenn das Personal fehlt, um es zu betreiben, kritisierte Ärzte ohne Grenzen noch in der vergangenen Woche. Nicht nur Pfleger und Ärzte sind Mangelware, genauso nötig brauchen die betroffenen Regionen Helfer, die sich um Präventionsmaßnahmen wie Aufklärung der Bevölkerung und sichere Beerdigungen oder um die medizinische Versorgung von Nicht-Ebola-Patienten kümmern.

Lange Zeit haben westafrikanische Ärzte und Pfleger die Kranken ohne ausreichenden Schutz behandelt. Viele haben sich angesteckt und zählen nun zu den Opfern der Epidemie. Ein Kollaps der Gesundheitssysteme in Liberia, Sierra Leone und Guinea ist die Folge. Zwar sind mittlerweile Tausende freiwillige Helfer für die Ebola-Bekämpfung vor Ort ausgebildet worden, doch noch fehlt es an Wissen, um sie künftig als medizinisches Personal in Kliniken anstellen zu können.

"Fast alle Krankenhäuser sind derzeit geschlossen", sagt Tankred Stöbe. Es gebe nur sehr wenige Orte in Westafrika, wo die medizinische Hilfe für Nicht-Ebola-Infizierte noch funktioniere. "Wie viele Kinder sterben derzeit wohl unnötig an Malaria, an Durchfallerkrankungen und Lungenentzündung? Wie viele Mütter sterben an Komplikationen bei der Geburt? Keiner weiß das." Stöbe schätzt, dass diese Herausforderung die betroffenen Länder noch Jahre beschäftigen wird.