Depressionen gelten mittlerweile als Volkskrankheit. Jeder Fünfte erkrankt einmal im Leben daran, sagen Mediziner. Immer öfter lassen sich Arbeitnehmer wegen einer Depression oder anderer psychischer Störungen krankschreiben, wie neue Zahlen der Techniker Krankenkasse (TK) zeigen. Unter denen, die in der Altenpflege, der Kinderbetreuung oder im Callcenter arbeiten, gibt es die meisten Fehltage deswegen. Ist es der Stress in diesen Jobs, der krank macht? Oder sind Menschen in diesen Berufen besonders sensibilisiert, seelische Leiden zu erkennen, offen damit umzugehen und sich Hilfe zu holen?

Die TK hat Daten ihrer Versicherten ausgewertet. Demnach litten im Jahr 2013 rund fünf Prozent ihrer erwerbstätigen Versicherten unter psychischen Erkrankungen und Störungen. Mehr als ein Drittel davon war depressiv, darunter doppelt so viele Frauen wie Männer. Die Zahl der Fehltage, die dadurch anfallen, sei deutlich höher als in Folge anderer Erkrankungen: Bis zu 114 Tage konnten Betroffene bei schweren Krankheitsverläufen im Jahr 2013 nicht arbeiten gehen. Die Fehlzeiten sind in den Jahren 2000 bis 2013 um 69 Prozent gestiegen. Eine Entwicklung, die sich fortzusetzen scheint, denn erste Daten für 2014 zeigen bereits, dass die Zahl der Fehltage erneut leicht gestiegen ist.

Die Krankenkasse erfasste bei der Erhebung der Fehlzeiten nicht nur Patienten mit schweren chronischen Depressionen, die in Kliniken behandelt werden müssen und ohne Medikamente kaum Chancen auf eine Heilung haben. Gezählt wurden auch diejenigen mit leichteren depressiven Verstimmungen und mit Mischformen aus einer ganzen Reihe psychischer Störungen, die nach dem ICD-10-Diagnoseschlüssel aufgelistet sind.

Für ihren Depressionsatlas hatte die Kasse ihren letzten Jahresbericht noch einmal neu ausgewertet und sich dabei besonders auf psychische Störungen konzentriert. Die Zahlen stammen aus Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen der versicherten Erwerbstätigen zwischen 15 und 64 Jahren und wurden laut TK anonym erhoben. 4,11 Millionen Personen waren das 2013 insgesamt. Dies entspricht 13,7 Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Menschen in Deutschland. Die Kasse erfasste nicht nur die Anzahl der Diagnosen, sondern auch die Dauer der Krankschreibung.  

Sind Menschen vom Land seltener depressiv?

Je nach Berufsgruppe, Region und Bildungsstand unterscheidet sich, wie viele Menschen aufgrund einer Depression nicht arbeiten gehen. Am häufigsten sind Menschen in medizinischen und pädagogischen Berufen betroffen, aber auch Personen in weniger qualifizierten Berufen und Arbeitslose lassen sich oft krankschreiben. In ländlichen Regionen wurde weniger Menschen so eine psychische Erkrankung bescheinigt als in städtischen. Je höher der Bildungsgrad, desto seltener kommt es zur Krankschreibung wegen einer Depression oder verwandter psychischer Störungen.

Allerdings heißt das nicht, dass etwa die Landbevölkerung seelisch gesünder ist. Das Angebot an Psychotherapeuten-Plätzen in einer Region und die Akzeptanz und das Bewusstsein für seelische Leiden haben großen Einfluss darauf, ob sich Arbeitnehmer erfolgreich Hilfe suchen und tatsächlich eine Diagnose bekommen. Lange Wartezeiten auf einen Therapieplatz können auch die Zeit des Arbeitsausfalls deutlich in die Länge ziehen.

Die Zahlen geben einen Einblick in die psychische Gesundheit einer großen Bevölkerungsgruppe. Dennoch sollten sie vorsichtig interpretiert werden, warnt Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Psychiater. Einer bestimmten Personengruppe aufgrund ihres Berufs, ihres Wohnortes oder ihrer Bildung ein höheres Depressionsrisiko zuzuschreiben, sei schwierig. Wie häufig das Krankheitsbild diagnostiziert werde, hänge unter anderem davon ab, wie gut die Erkrankung akzeptiert werde. Es spiele etwa eine Rolle, "ob es das Arbeitsumfeld erlaubt, bei einer leichteren Depression noch im Arbeitsrhythmus bleiben zu können", sagt Hegerl.

Das Henne-Ei-Problem

Ursache und Wirkung sollte man hierbei nicht verwechseln. Dass die Zahl der Depressionen unter Arbeitslosen und in weniger qualifizierten Berufen hoch ist, hat laut Hegerl weniger damit zu tun, dass diese Berufe oder die Arbeitslosigkeit depressiv machten. Vielmehr sei die Gefahr für Menschen, die immer wieder in depressive Krankheitsphasen verfallen, erhöht, arbeitslos zu werden und in der Ausbildung oder im Job schlechter voranzukommen. Dies sei auch ein möglicher Grund für eine Korrelation zwischen niedriger Bildung und der Häufigkeit von Depressionen.

Einen weiteren sieht Peter Falkai, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität München, im sozialen Gefälle: "Ein geringer Abschluss hat ein niedrigeres Gehalt zur Folge und das ist auch mit einer schlechten Gesundheitsversorgung verbunden, auch wenn das nicht wünschenswert ist."

Wenn in bestimmten Regionen, Berufen oder sozialen Schichten Depressionen und andere psychische Störungen häufiger sind, kann das viele Ursachen haben. Studienergebnisse dazu sprechen nicht eindeutig für eine Theorie. Druck und Stress bei der Arbeit spiele aber bekanntermaßen eine Rolle bei der Entstehung psychischer Erkrankungen, sagte Falkai. Unter Pädagogen und Medizinern sei der Druck zum Beispiel durch ihre tägliche Arbeit mit Menschen sehr hoch. Bei Lehrern komme noch die stressige Vortragssituation hinzu. "Diese Arbeitsbedingungen sind anstrengend und chronisch belastend", sagt Falkai.

Überrascht hat die Autoren der TK-Studie, dass psychische Störungen unter ihren Versicherten im Durchschnitt immer noch seltener auffallen, als sie müssten, wenn man repräsentative Zahlen aus anderen Studien anschaut. Demnach leiden in Deutschland mehr als fünf Prozent aller Menschen an depressionsähnlichen Erkrankungen. Mindestens jeder Vierte habe psychische Probleme. Dies könne allerdings daran liegen, dass bestimmte, vermutlich häufig von Depressionen betroffene Berufsgruppen, nicht in der TK versichert sind. Außerdem zählte die Krankenkasse Jugendliche unter 14 Jahren nicht dazu – genauso wenig wie ältere Menschen im Rentenalter, die aber relativ häufig an Depressionen leiden.

Den Trend, dass die Zahl der diagnostizierten Depressionen zunimmt, bestätigten die neuen Zahlen – vor allem unter Frührentnern. "Vor 30 Jahren erfolgten acht Prozent der Frühberentungen wegen psychischer Erkrankungen, jetzt sind es mehr als 40 Prozent", sagt Psychiater Hegerl. Mehr Depressive als früher gäbe es vermutlich nicht. In jedem Fall werden derartige Erkrankungen häufiger erkannt und behandelt. Auch würden solche Krankheitsbilder seltener hinter Diagnosen wie chronischem Rückenschmerz, Tinnitus oder Kopfschmerz versteckt.   

Insgesamt sei das eine positive Entwicklung für Betroffene. Das Verständnis und das Bewusstsein für Depressionen habe dazu geführt, dass derartige Erkrankungen früher erkannt, weniger tabuisiert und besser behandelt werden.