Die Liste der sündhaften Genüsse ist lang und fettig. Sie reicht von Butter und Schmalz bis zu Pommes und Currywurst. Glaubt man staatlichen Diät-Tipps, sind solche Speisen wegen ihres Fettgehalts von Übel. Allerdings ist die wissenschaftliche Grundlage solcher Empfehlungen mitunter zweifelhaft. Das ergab eine Studie britischer und amerikanischer Forscher.

Zoe Harcombe von der Universität von Westschottland in Hamilton und ihr Team untersuchten die nationalen Ernährungsrichtlinien für die Fettzufuhr der USA und Großbritanniens. Sie wurden 1977 (USA) und 1983 veröffentlicht und sollten das Risiko von Herz-Kreislauf-Krankheiten verringern. In beiden Ländern empfahlen die Experten, den Anteil der Fette an der Kalorienzufuhr auf 30 Prozent und den der gesättigten Fette auf zehn Prozent zu begrenzen.

Als Harcombe und ihre Mitarbeiter nach den Begründungen für die Diät-Leitlinien suchten, stießen sie auf lediglich sechs stichhaltige Studien, die bis zum Jahr 1983 zum Thema veröffentlicht worden waren. Sie behandelten die Beziehung zwischen Fettkonsum, Cholesterin-Werten und der Entwicklung einer koronaren Herzkrankheit, also von verengten Herzkranzgefäßen. Insgesamt hatten an den Studien 2467 Männer teilgenommen. In fünf der sechs Untersuchungen standen zudem Personen im Vordergrund, die bereits herzkrank waren. Bei ihnen ging es nicht um die Verhütung von Gefäßschäden, sondern darum, die Folgen der Krankheit abzuschwächen.

Die Ergebnisse der Studien waren ernüchternd. So gab es keine bedeutsamen Unterschiede beim Sterberisiko zwischen den Patienten, die "gute" Fette wie Olivenöl zu sich nahmen und solchen, die sich weiter "schlecht" ernährten. Zwar sank der Cholesterin-Spiegel im Blut, doch hatte das ebenfalls keine günstigen Auswirkungen auf das Sterberisiko, berichten Harcombe und ihre Kollegen im Online-Fachblatt Open Heart (Harcome et al., 2015).

Diät-Richtlinien "hätten niemals veröffentlicht werden dürfen"

"Es ist unbegreiflich, dass Diät-Richtlinien für 220 Millionen Amerikaner und 56 Millionen Briten eingeführt wurden, die auf widersprechenden Ergebnissen an einer kleinen Zahl kranker Männer basierten", lautet das vernichtende Fazit der Forscher. Die Empfehlungen hatten keinen wissenschaftlichen Probelauf hinter sich, der ihre Wirksamkeit belegt hätte. Sie hätten niemals veröffentlicht werden dürfen, meinen die Forscher.

Ist es also für das Herz ganz egal, wie viel – und welches – Fett man zu sich nimmt? Nicht ganz, kontert der britische Herzspezialist Rahul Bahl. Es gebe Belege dafür, dass Fettverzehr und Herz-Kreislauf-Leiden zusammenhängen würden. Wer gesättigte durch vielfach ungesättigte Fette ersetze, könne seinen Gefäßen damit Gutes tun, auch wenn der Beweis schwierig zu führen sei. Zwar habe man in der Vergangenheit gesättigte Fette zu übertrieben als die Hauptschuldigen der Herz-Kreislauf-Leiden gebrandmarkt und damit von der Rolle anderer Ernährungsbestandteile wie der Kohlenhydrate abgelenkt. "Aber es ist keine echte Lösung, die eine Karikatur durch eine andere zu ersetzen", kommentiert Bahl in einem Editorial in Open Heart.

Alles läuft auf Energiekontrolle hinaus

Heiner Boeing vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke macht auf einen Nachteil fettreicher Ernährung aufmerksam, den die Studie nicht erwähnt, nämlich die hohe Energiedichte. Fett enthält bei gleicher Masse erheblich mehr Kalorien als Kohlenhydrat oder Eiweiß.

Wer bei Schweinebraten und Sahnetorte kräftig zulangt, riskiert, entsprechend viel an Gewicht zuzulegen, speichert doch der Organismus Fett gern als vermeintliche Notreserve. Erhebliches Übergewicht wiederum ist ein bekanntes Gesundheitsrisiko und erhöht zum Beispiel die Wahrscheinlichkeit, zuckerkrank zu werden – und die Zuckerkrankheit Diabetes wiederum ist ein Risikofaktor für Herz und Gefäße. "Alles läuft auf Energiekontrolle hinaus", sagt Boeing. Ob man 30 oder 40 Prozent seiner Kalorien über (möglichst bekömmliches) Fett zu sich nehme, sei egal – wenn man bei anderen Energieträgern wie den Kohlenhydraten spare.

"Es ist billig, sich über wissenschaftliche Erkenntnisse vor 40 Jahren lustig zu machen", sagt Helmut Gohlke, Vorstandsmitglied der Deutschen Herzstiftung. Beim Vorbeugen von Herzleiden sei man mittlerweile davon abgekommen, einzelne Bestandteile der Ernährung zu verändern. Stattdessen propagiere man die mediterrane Kost mit viel Obst und Gemüse und wenig Fleisch. Und das nicht nur in Europa, sondern inzwischen auch in den USA.