Wollen Sie Ihre Niere spenden? Bürger und Bürgerinnen sind seit 2012 aufgefordert, eine klare Position zu finden für den Fall, dass sie selbst als Organspender infrage kommen. © Brendan Smialowski/AFP/GettyImages

Von "ungeheurer Dankbarkeit" spricht der Berliner Schriftsteller David Wagner. Mit seinem Buch Leben wollte er auch dem Verstorbenen ein literarisches Denkmal setzen, dessen Leber nun in seinem Körper arbeitet. Kein Zweifel: Eine Organspende kann schwerkranken Menschen eine Zukunft eröffnen. Trotzdem haben heute viele Menschen erhebliche Zweifel, sobald die Sprache auf das Thema Organspende kommt.

In Deutschland trugen dazu sicher die Skandale aus dem Sommer 2012 bei: In vier Transplantationszentren hatte es systematische Manipulationen bei der Vergabe von Spenderlebern gegeben. Dabei gelangten Patienten durch falsche Angaben von Ärzten auf den Wartelisten nach oben. Seitdem sind die Kontrollen strenger. Doch das Misstrauen ist nicht besiegt. Das Missverhältnis zwischen "Angebot" und "Nachfrage" von Spenderorganen ist weiter gewachsen. Die Wartelisten werden länger.

Unbehagen erzeugt auch der Begriff "Hirntod", dem sich nun der Deutsche Ethikrat in seiner am Dienstag veröffentlichten Stellungnahme "Hirntod und Entscheidung zur Organspende" widmete. Der Hirntod sei ein "außergewöhnlicher Zustand, den es erst seit gut einem halben Jahrhundert gibt", sagte Verfassungsrechtler Wolfram Höfling, Leiter der Arbeitsgruppe des Ethikrates.

In der Tat ermöglicht es erst die moderne Intensivmedizin, dass ein Mensch atmet, sein Herz schlägt, sein Kreislauf und seine Organe funktionieren, obwohl alle Funktionen seines Großhirns, Kleinhirns und Hirnstamms unwiderruflich erloschen sind. Dabei kann er sogar "vital" erscheinen. Ein Kind kann weiter im Bauch einer hirntoten Mutter wachsen, wie der Fall des "Erlanger Babys" im Jahr 1992 zeigte. Das schockiert und führt immer wieder zu Debatten.

Der Hirntod als Teil des Sterbeprozesses

Im Deutschen Ethikrat herrscht Konsens, dass der Hirntod die Voraussetzung für eine Organentnahme nach dem Tod ("postmortal") darstellt: Das Aussetzen des Herzschlags soll auch in Zukunft nicht als Kriterium gelten. Unstrittig ist auch, dass mindestens zwei erfahrene Mediziner den Hirntod unabhängig voneinander feststellen müssen. Doch schon beim Begriff "postmortal" ist man sich nicht einig. Bedeutet der Hirntod wirklich den Tod des Menschen? Die Mehrheit des Ethikrats betrachtet den Hirntod als sicheres Todeszeichen. Das Argument: Nur intensivmedizinische Maßnahmen sorgen nach dem unwiderruflichen Versagen aller Hirnfunktionen dafür, dass andere Organe ihre Aufgaben noch wahrnehmen können. Das Gehirn selbst lässt sich jedoch nicht ersetzen. Von der "singulären Sonderstellung" des Gehirns für den Gesamtorganismus spricht der Jurist Reinhard Merkel. "Es ist das zentrale Integrations-, Kommunikations- und Koordinierungsorgan."

Eine Minderheit von sieben der 26 Mitglieder des Ethikrates kann sich mit dieser Sicht jedoch nicht anfreunden. Sie hält den Hirntod – von der Ethikratsvorsitzenden Christiane Woopen lieber als "irreversibles Ganzhirnversagen" bezeichnet – nicht für den Tod des Menschen, sondern für einen Teil des Sterbeprozesses. Denn auch nach diesem Ereignis laufen im Organismus koordinierende Tätigkeiten verschiedener Systeme ab, sagt Höfling. In der Stellungnahme wird auf "kognitive und affektive Dissonanzen" hingewiesen, die entstehen müssen, "wenn der Hirntote wider den Anschein der Lebendigkeit als Leichnam aufgefasst wird".

Dennoch sind auch die Anhänger dieser Position der Ansicht, dass der Hirntod ein geeignetes und notwendiges Kriterium für die Entnahme eines Spenderorgans ist. Als entbehrlich betrachten sie allerdings die "Dead-Donor-Rule", wonach die Entnahme an den Tod des Spenders geknüpft ist. "Unsere Position ist mit "schwierigen Folgefragen verknüpft", gab Höfling zu.