Ein Kind ist gestorben. In Berlin sind die Masern ausgebrochen. Es wäre vermeidbar gewesen. Da liegt es nahe, jetzt eine Impfpflicht zu fordern. Von der FAZ bis zur Bild sprechen sich Journalisten dafür aus. Die Bundesärztekammer will sie. Auch die große Koalition aus CDU und SPD erwägt, die Bürger zwangsweise zu immunisieren. Justizminister Heiko Maas (SPD) hält das Konzept juristisch für durchsetzbar – wenn auch nur als letztes Mittel.

Die Befürworter der Impfpflicht bringen gute Argumente: Die Masern selbst sind viel gefährlicher als die Impfung dagegen. Wer sich oder seine Kinder nicht durch zwei Spritzen gegen das Virus immunisieren lässt, gefährdet andere. Und noch immer sind nicht genug Menschen in Deutschland geimpft, um alle zu schützen. All das stimmt. Nur bedeutet das nicht, dass Zwang die richtige Antwort ist. 

Zwang ist unnötig

Wären überall in Deutschland mehr als 95 Prozent der Menschen geimpft, gäbe es die Masern nicht mehr, sagen Forscher. Noch ist das zwar nicht erreicht, doch es sind schon mehr als 90 Prozent. Zudem steigt jedes Jahr die Zahl der Kinder, die immunisiert werden. Fast alle Eltern lassen ihre Kinder impfen. Freiwillig. Es ist also gar nicht nötig, jetzt drastisch durchzugreifen.

Auch weil das Hauptproblem nicht die ungeimpften Kleinkinder sind. Es gibt eine nennenswerte Gruppe Erwachsener jenseits der 40, die schlichtweg nicht mehr wissen, ob sie die als Kinderkrankheit oft verharmloste Infektion schon hatten oder die erforderlichen zwei Spitzen jemals bekommen haben. Als Standard wurde der Impfschutz nämlich erst 1970 (DDR) und 1973 (Bundesrepublik) eingeführt. 

Sinnvoller als eine Impfpflicht für jedes Kind wäre es also, Hausärzte würden systematisch die Impfpässe all ihrer Patienten überprüfen und sie darauf hinweisen, wenn der Masern-Schutz fehlt oder fraglich ist.

Impfgegner sind die absolute Minderheit

Wer Menschen zu etwas zwingen will, riskiert zudem immer eine reflexhafte Opposition. Allein, weil sie sich nicht bevormunden lassen wollen, könnten viele, die bisher nichts gegen die Impfung haben, sich auf die Seite der Impfverweigerer schlagen. Eine Gruppe, die hierzulande übrigens verschwindend klein ist.

Wer dieser Tage die Medien verfolgt, bekommt den Eindruck, Deutschland sei durchsetzt von Impfgegnern: Überall wird das Klischee gebildeter, anthroposophischer Bio-Bildungsbürger bemüht, die ihre Kinder auf Waldorfschulen schicken, um den vermeintlichen Gefahren der Schulmedizin zu entkommen. Doch das ist genau so ein Mythos wie die immer wiederholte Behauptung, die Masern-Impfung könne Autismus fördern. Ein Zwang könnte das Misstrauen in Behörden und Institutionen nur bestärken.

Auch wenn die Masern gefährlich sind. Sie sind nicht vergleichbar mit einer Seuche wie etwa Ebola, die jeden Zweiten tötet, den sie infiziert. Es mag extreme Notlagen geben, in denen eine Regierung den Schutz der Bevölkerung über die Freiheit des Einzelnen und die körperliche Unversehrtheit stellen muss. Doch so eine Lage ist angesichts der aktuellen Masern-Zahlen lange nicht erreicht. 

Bildung statt Bevormundung

Dennoch: Jeder Todesfall durch Masern ist einer zu viel. Deshalb müssen Ärzte, Behörden und Medien laut, transparent und sachlich über die Risiken der Infektion und die Nebenwirkungen der Impfung aufklären. Es ist legitim, die Menschen in Deutschland aufzufordern, sich impfen zu lassen. Aber jeder muss am Ende das Recht behalten, sich ein eigenes Urteil zu bilden, für sich zu entscheiden und die Konsequenzen zu tragen.