Ist Impfen nicht gefährlich und unnatürlich? Haben wir die Masern als Kinder nicht auch überlebt? Wer sich derzeit in einigen Kitas umhört, könnte das Gefühl bekommen, Impfgegner seien längst in der Überzahl. In Wahrheit ist es eine winzige Minderheit an Eltern, die sich bewusst gegen das Impfen ihrer Kinder wehrt. Dass heutzutage kaum mehr jemand sein Kind impfen lässt, ist also genauso ein Mythos wie der vermeintliche Zusammenhang zwischen der Masern-Impfung und Autismus.

USA - Masern-Ausbruch lässt Impfgegner kalt Nicht nur in Deutschland wird über eine Impfpflicht diskutiert. In den USA formiert sich eine immer breitere Front gegen die Immunisierung gegen gefährliche Krankheiten – trotz einer steigenden Zahl von Masern-Fällen.

Kein Mensch müsste heute mehr an Masern erkranken oder gar sterben. Die fast verniedlicht als Kinderkrankheit bezeichnete Infektionskrankheit könnte längst ausgerottet sein – weltweit. Vor allem in Deutschland. Es gibt Impfungen, sie sind kostenlos und jedem zugänglich. Sie sind sicher, sie schützen zuverlässig und lösen nur in äußerst seltenen Einzelfällen riskante Nebenwirkungen aus. Die Masern selbst sind hingegen gefährlich – nicht oft, aber immer wieder verläuft so eine Infektion schwer, manchmal tödlich.

So geschehen zuletzt in Berlin, wo ein anderthalbjähriger Junge gestorben ist. Die Hauptstadt erlebt derzeit einen größeren Ausbruch. Mehr als 570 Menschen haben sich mit den Masern angesteckt. Der Junge hätte sie nie bekommen müssen. Im Alter zwischen elf und 14 Monaten empfehlen Mediziner die erste Impfung dagegen für jedes Kind. Sie wird meist kombiniert mit Mitteln zum Schutz gegen Mumps und Röteln gegeben. Selbst wenn der nun tote Junge noch nicht geimpft gewesen ist, hätte er nicht erkranken müssen. Wären die Menschen um ihn herum ausreichend geschützt gewesen, würde er noch leben. In der geimpften Masse erkranken nämlich selbst einzelne nicht, die noch keinen Schutz haben.

ZEIT ONLINE hat erneut die wichtigsten Fakten zu Masern und Impfungen zusammengefasst.

Die meisten sind geimpft, doch es gibt gefährliche Lücken

Die Impfquote gegen Masern, Mumps und Röteln ist hierzulande insgesamt sehr hoch. Sie unterscheidet sich von Bundesland zu Bundesland nur geringfügig und liegt im Schnitt bei um die 90 Prozent. Damit gefährliche Masernviren aber keine Chance mehr haben, müssten mindestens 95 Prozent aller Menschen in Deutschland jeden Alters geimpft sein. Seit Jahren steigen die Impfquoten. Dennoch ist es noch nicht gelungen, dass sich weniger als ein Mensch pro einer Million Einwohner mit den Masern ansteckt (Robert-Koch-Institut, 2014).

Grafiken des "Guardian" zeigen, wie wichtig eine umfassende Impfung der Bevölkerung ist.

In zehn Grafiken zeigte der britische Guardian kürzlich, wie sich unterschiedliche Impfraten auf die Gesundheit der Gesellschaft auswirken. 

Es sind also Kleinigkeiten, die Erregern von Infektionen wie Masern, aber selbst auch von Kinderlähmung oder Diphtherie eine erfolgreiche Rückkehr ermöglichen. Viele Erkrankte haben ihre Impfung im Alter nicht auffrischen lassen und sind dadurch zu Überträgern geworden.

Nimmt man noch die kleine Gruppe an Menschen hinzu, die sich bewusst gegen eine Immunisierung entscheidet, zeigt sich eine gefährliche Lücke. Sie ist nicht groß, nur etwa ein Prozent der befragten Eltern einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung lehnten es strikt ab, ihre Kinder impfen zu lassen (Bundesgesundheitsblatt, 2013). Doch zusammen mit den erwachsenen Ungeschützten reicht dies aus, um wie nun in Berlin Hunderte Menschen unnötig in Gefahr zu bringen (Robert-Koch-Institut, 2014).

Asylsuchende sind nicht Schuld am Berliner Masernausbruch

Warum tauchen die Masern gerade jetzt wieder in Berlin auf? Seit Oktober 2014 mehren sich in der Hauptstadt die Infektionen. Ganz zu Beginn erkrankten vor allem Asylbewerber aus Bosnien und Herzegowina oder Serbien. In diesen Ländern herrschte bereits Monate zuvor eine Masern-Epidemie, dort sind weit weniger Menschen durch eine Impfung geschützt. Mittlerweile tauchen neue Infektionen aber überwiegend in der übrigen Bevölkerung Berlins auf (Robert-Koch-Institut, 2015).

Und genau hier liegt das Problem: Wären so gut wie alle Berliner ausreichend immun, könnten sich die Erreger gar nicht erst ausbreiten. Es ist unerheblich, woher die Masern kommen oder wer sie hergebracht hat. Immer wieder können sie in einer globalisierten Welt eingeschleppt werden. Das Entscheidende: Sie wären keine Gefahr, wenn die Impfquote noch höher wäre.

Unabhängig vom aktuellen Ausbruch in Berlin kommt es seit 2006 etwa alle zwei bis drei Jahre zu größeren Infektionswellen in der gesamten Bundesrepublik. Der Erreger schlummert noch in der Bevölkerung und findet den Weg in die ungeschützten Lücken. In Großstädten wie Berlin oder München breitet sich die Krankheit dabei häufiger aus als auf dem Land. Nicht nur, weil in Ballungsräumen größere Menschenmassen aufeinandertreffen. Nicht selten stehen Waldorfschulen im Fokus der Epidemien. Dort kam es 2010 in Essen und Berlin, 2011 in Offenburg oder 2013 in Erftstadt bei Köln zu Ausbrüchen. An den Schulen sind deutlich weniger Kinder immunisiert, die Rate liegt oft deutlich unter 80 Prozent.

Impfungen retten Millionen von Menschenleben

Die Erfolge von Impfstoffen sind beispiellos. Kaum etwas hat den medizinischen Fortschritt im 20. Jahrhundert derart mitgeprägt. Es ist daher verwunderlich, dass es noch immer Menschen gibt, die Vakzinen grundsätzlich ablehnen. Nur der Zugang zu sauberem Wasser hat global gesehen im vergangenen Jahrhundert einen größeren Einfluss im Kampf gegen Infektionskrankheiten gehabt (Andre et al., 2008).

Impfstoffe  haben Krankheiten wie die Pocken ausgerottet. Bis in die 1960er Jahre starben daran jedes Jahr zwei Millionen Menschen weltweit. Impfungen gegen Windpocken, Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten, Hepatitis, Kinderlähmung, Masern, Tuberkulose oder gegen bakterielle Infektionen mit dem gefährlichen Haemophilus-influenzae-b-Erreger verhindern jedes Jahr geschätzt fast sechs Millionen Todesfälle (Ehreth, 2003).

Die Zahl der Erkrankungen durch Erreger, gegen die es Impfungen gibt, hat sich dramatisch reduziert (Bloom & Canning & Weston, 2005). Allein in den USA hat sich die Zahl der Fälle für diverse Infektionskrankheiten zusammen um mehr als 90 Prozent verringert (CDC, 2011).

Viele Bedenken gegen Impfungen sind unbegründet

  • Oft heißt es, die Wirksamkeit von Impfungen wäre nie belegt worden. Dabei werden in Deutschland nur Mittel zugelassen, deren Sicherheit und Wirksamkeit in Studien nachgewiesen wurde.
  • Die Immunsysteme von Kindern werden nicht durch Impfstoffe überlastet. Im Gegenteil: Bisherige Studien zeigen, dass die Körperabwehr in jungen Jahren schon sehr robust ist und moderne Impfstoffe gut verträgt.
  • Impfungen können nicht die Krankheit auslösen, vor der sie schützen sollen. Bestimmte Impfstoffe rufen mitunter zwar Symptome hervor, die jenen der Krankheit ähneln. Im Fall von Masern etwa enthalten die Mittel ein abgeschwächtes, aber noch vermehrungsfähiges Masernvirus, das zu einem Hautausschlag führen kann. Dies ist aber keine ausgeprägte Erkrankung.

Die oben aufgeführten Punkte sind nur ein Auszug an Sorgen, wegen derer Eltern ihre Kinder zur Sicherheit nicht impfen lassen möchten. Das RKI und das Paul-Ehrlich-Institut haben im Netz ausführlich auf die 20 häufigsten Einwände geantwortet.

Impfstoffe verursachen keinen Autismus

Wer sich und sein Kind impfen soll, braucht Vertrauen in die Medizin. Das aber gerät immer wieder ins Wanken (Leask, 2011). Viele Eltern sorgen sich um mögliche Nebenwirkungen.