Eine Vakzine, die Leben retten kann: Ein Mädchen bekommt in Miami eine Masern-Impfung. © Joe Raedle/Getty Images

Es begann in Kalifornien: Im dortigen Disneyland infizierten sich im Dezember vergangenen Jahres 58 Menschen mit Masern. Sie verbreiteten die hochansteckende Krankheit weiter. Seitdem sind die Behörden in Alarmstimmung: Dutzende Babys, die noch zu jung für eine Impfung sind, wurden in Kalifornien isoliert; Hunderte Bürger, die mit Infizierten in Kontakt kamen, erhielten offizielle Warnungen. Die Seuchenkontrollbehörde CDC befürchtet, dass die USA vor einer größeren Masern-Epidemie stehen, denn auch außerhalb Kaliforniens nimmt die Zahl der Fälle zu.

Und das, nachdem die USA stolz darauf waren, das Virus ausgerottet zu haben. "Die Krankheit ist bei uns eigentlich seit 15 Jahren besiegt. Alle Neuerkrankungen kamen von Menschen, die außerhalb des Landes gereist waren", sagte Tom Frieden dem Fernsehsender CBS. Er ist als CDC-Direktor oberster Seuchenschützer der USA. "Was wir allerdings sehen, ist eine kleine, aber wachsende Zahl von Menschen, die nicht geimpft sind. Vor allem unter jungen Erwachsenen steigt die Zahl derer, die sich nicht impfen lassen, und das macht uns verletzlich."

Für das Jahr 2015 wurden bereits 102 Infektionen aus 14 Staaten gemeldet – was etwa einem Sechstel aller Fälle des gesamten Vorjahres entspricht. Zum Vergleich: 2014 gab es in den USA 644 Masern-Fälle – und das war bereits die höchste Zahl innerhalb von 20 Jahren. Im Jahr 2000 waren so wenige Menschen erkrankt, dass die USA für masernfrei erklärt werden konnten.

In Deutschland wurde dieses Ziel nie erreicht: 2008 gab es in der Bundesrepublik nach Angaben des Robert-Koch-Instituts 916, im Jahr 2013 sogar 1.771 Fälle (Infektionsepidemiologische Jahrbücher 2008, 2013). Der rapide Anstieg war damals auch auf eine Massenansteckung zurückzuführen. Auf einer Messe in Berlin hatte es einen Ausbruch gegeben. Derartige Ereignisse führen in den USA derzeit zu einer politischen Grundsatzdebatte über die Impfpolitik.

Noch haben die Vereinigten Staaten eine hohe Impfrate: 92 Prozent aller Kinder sind gegen mehrere Krankheiten geimpft. Das ist zwar keine Pflicht, allerdings dürfen sie ohne die entsprechenden Bescheinigungen in den meisten Bundesstaaten keine öffentliche Schule besuchen. In manchen Staaten können Eltern ihre ungeimpften Kinder zumindest in den Kindergarten schicken. Die Impfquote variiert von Staat zu Staat. Manche Gebiete wie etwa Mississippi erreichen Quoten von bis zu 100 Prozent. Im Süden von Kalifornien, wo der jüngste Ausbruch stattfand, sind dagegen acht Prozent der Kindergartenkinder nicht gegen gängige Kinderkrankheiten wie Masern und Mumps immunisiert. In Pennsylvania weigern sich laut dem TV-Sender CBS etwa 15 Prozent der Eltern, ihre Kinder impfen zu lassen. Und das liegt auch an einer wachsenden Angst vor Nebenwirkungen.

Impfgegner gibt es rechts und links

Unter Wissenschaftlern gilt das Für und Wider der Masernimpfung als lange ausdiskutiert. Zwar gibt es immer wieder Einzelfallberichte über schwere Impfschäden – doch diese sind so extrem selten, dass sie nicht rechtfertigen, auf einen Impfschutz der Bevölkerung zu verzichten. Der Schaden durch schwere Verläufe von Masern-Infektionen wäre um ein Vielfaches größer.

In jeder Impfdebatte geht es um das Abwägen zwischen dem Nutzen für die Allgemeinheit und dem Risiko für das Individuum: Damit eine Infektionskrankheit sich nicht mehr ausbreiten kann, muss nämlich ein bestimmter Prozentsatz der Bevölkerung immunisiert sein. Mag sein, dass ein Einzelner unter Hunderttausenden unter Nebenwirkungen leidet – aber zum Wohl der Allgemeinheit müssen sich möglichst viele impfen lassen.

In den USA wachsen die Vorbehalte gegen Impfungen in einigen Teilen der Bevölkerung gerade wieder. Laut einer Studie des Psychologen Dan Kahan von der Universität Yale (Kahan, 2014) gibt es in allen Schichten und politischen Lagern Impfgegner, unter Rechten seien sie jedoch am stärksten vertreten. Vor allem sei Impfskepsis unter Rechtskonservativen zunehmend Teil des politischen Diskurses. Zwar gibt es einzelne linke Alternative, die Vorbehalte gegen einflussreiche Pharmaunternehmen als Grund für ihre Haltung gegen Impfungen angeben. Einige Gebiete in Kalifornien sollen besonders niedrige Impfquoten haben, weil hier Linksalternative ihre Kinder nicht "mit Chemie vollpumpen wollen". Insgesamt seien jedoch eher Konservative für die Impfskepsis empfänglich, verbunden mit einer Ablehnung von staatlichen Vorgaben und wissenschaftlichen Erklärungen.

Das bestätigen Umfragen des Pew Research Centers: 2009 unterstützten noch 71 Prozent der Anhänger von Demokraten und Republikanern grundsätzlich Impfungen bei Kindern. Doch während 2014 die Zustimmung unter den Demokraten auf 76 Prozent stieg, fiel sie bei den Republikanern auf 65 Prozent.

Republikaner streiten über Impfungen

Angesichts des aktuellen Masern-Ausbruchs heizen manche Republikaner die Diskussion noch an. So sagte der Gouverneur von New Jersey, Christopher Christie, Eltern müssten die Wahl haben – schließlich sei nicht jede Impfung gleich empfehlenswert und nicht jede Erkrankung gleich bedrohlich. Nachdem Christie dafür viel öffentliche Kritik einstecken musste, ruderte er zurück: die Argumente für viele Impfungen seien "ziemlich unbestreitbar".

Senator Rand Paul aus Kentucky schlug in eine ähnliche Kerbe: Impfskeptizismus sei "eine Frage der Freiheit", sagte er. Obwohl ein in den 1990er Jahren behaupteter Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus seit Jahren als ausgeschlossen gilt und sich Studien dazu als manipuliert erwiesen, brachte er diesen wieder ins Spiel. "Ich habe von vielen tragischen Fällen gehört, in denen Kinder durch Impfungen schwere mentale Schäden davongetragen haben," sagte Paul. Belege nannte er nicht, doch die Behauptung war in der Welt. Der Republikaner und Sprecher des Repräsentantenhauses, John Boehner, widersprach daraufhin seinen Parteikollegen: Alle Kinder sollten geimpft werden.