Arbeitslosigkeit, Schulden, gekürzte Sozialleistungen und der Verlust der eigenen Wohnung – für viele Menschen in Griechenland sind diese Verhältnisse seit Beginn der Sparpolitik im Juni 2011 Realität. Seither sei die Zahl der Selbsttötungen im Land steil und anhaltend angestiegen, berichten Wissenschaftler um den Epidemiologen Charles Branas von der US-amerikanischen Universität von Pennsylvania (Branas et al., 2015).   

"Obwohl Griechenland historisch gesehen eine der niedrigsten Suizidraten weltweit hat", schreiben die Forscher im Magazin BMJ Open, dürfte sich der globale finanzielle Abschwung in keinem anderen europäischen Land derart gezeigt haben.

Konkret nahmen sich seit Juni 2011 jeden Monat etwa elf Menschen mehr das Leben als in den Monaten der Jahre zuvor. Die Rate stieg um fast 36 Prozent auf rund 40 Suizide monatlich. Die Forscher sammelten Daten aus den vergangenen 30 Jahren. Zwischen 1983 und 2012 zählten sie insgesamt 11.505 Menschen in Griechenland, die sich umgebracht hatten, darunter mit 9.079 fast dreimal so viele Männer wie Frauen. Kein anderes Ereignis als die dramatischen Einsparungen aus dem Sommer 2011 scheinen einen solchen Einfluss auf die Bevölkerung gehabt zu haben. Nie zuvor sei die Suizidrate seit den 1980er Jahren derart hoch gewesen.

Armut kann ein Mitauslöser sein

Letztlich lässt sich aber nur ein statistischer Zusammenhang zeigen. Warum sich mehr Menschen in Griechenland das Leben nehmen, können bloße Zahlen nicht belegen. Auch lassen sich die sehr persönlichen Gründe, weshalb sich Menschen in Situationen wiederfinden, die sie selbst als ausweglos empfinden, nicht verallgemeinern. Sie reichen von traumatischen Erlebnissen, Gewalterfahrungen, psychischen Erkrankungen, etwa Depressionen, bis hin zu Drogenabhängigkeit und chronischen Schmerzen. Allerdings legt auch der erste Bericht zur Suizidprävention der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nahe, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen finanzieller Lage und Suizidgedanken (Preventing Suicide, 2014).

Schätzungsweise mehr als 800.000 Menschen nahmen sich weltweit im Jahr 2012 das Leben. Drei Viertel aller Suizide wurden dabei in Ländern gezählt, in denen Menschen im Schnitt wenig bis sehr wenig Geld zur Verfügung haben.

Im internationalen Vergleich ist die Zahl der Selbsttötungen in Griechenland gering. Nach Schätzungen der WHO waren es dort im Jahr 2012 weniger als fünf Menschen pro 100.000 Einwohner. Mit Ausnahme von Italien sind die Raten in ganz Europa im Vergleich höher – so auch in Deutschland (WHO, 2014).

Für ihre detaillierte Analyse der Lage in Griechenland berücksichtigten Charles Branas und seine Kollegen sowohl gute als auch schlechte wirtschaftliche Zeiten. So sank die Rate der Suizide unter Männern kurzzeitig um 27 Prozent, als Griechenland im Januar 2002 den Euro einführte.

Seit Beginn der Rezession 2008 stieg die Zahl stetig an. Vermutlich seien vor allem Männer betroffen, da sie meist die Allein- oder Hauptverdiener in Familien seien, glauben die Forscher. Sie zogen für ihre Studie nicht nur offizielle griechische Statistiken heran. Sie untersuchten auch Todesfälle, die als Unfälle registriert worden waren, aber womöglich Selbsttötungen waren.