Cannabispflanzen © BSIP/UIG via Getty Images

ZEIT ONLINE: Haben Sie wirklich schon Land gekauft?

Jürgen Scholz: Ja, wir haben tatsächlich bereits 50.000 Quadratmeter Acker bei Hannover in einer Zwangsversteigerung erworben.

ZEIT ONLINE: Das ist aber sehr optimistisch.

Scholz: Früher oder später wird der gewerbliche Cannabisanbau auch in Deutschland erlaubt werden und wir wollen unbedingt die ersten sein.

ZEIT ONLINE: Warum?

Scholz: Wir halten das für gesellschaftlich und medizinisch geboten. In unserer Gruppe sind auch ein Professor der Medizinischen Hochschule Hannover und ein Pharmazeut, und aus Gesprächen mit Schmerz- und Palliativmedizinern wissen wir, dass viele Praktiker den breiteren Einsatz von Cannabis befürworten, sie dürfen es aber nur in wenigen Fällen verschreiben. Wir halten die gesetzlichen Regeln für falsch und zudem wird das mal ein sehr großer Markt werden, auf dem wir uns als Pioniere positionieren wollen.

ZEIT ONLINE: Geht es Ihnen auch um das freie Kiffen?

Scholz: Nein, wir kämpfen nur für den medizinischen Aspekt. Zum einen aus Machbarkeitsgründen. Aber auch, weil wir nicht alle sechs gleichermaßen darüber hinausgehende Schritte befürworten, selbst wenn wir alle für eine liberalere und rationalere Handhabung des Medizinalhanfs sind.

ZEIT ONLINE: Was sind Ihre nächsten konkreten Schritte?

Scholz: In der kommenden Woche gründen wir eine GbR, in deren Namen wir dann noch vor Juni einen Antrag auf eine Ausnahmegenehmigung vom Betäubungsmittelgesetz bei der zuständigen Behörde, der Bundesstelle für Arzneimittel und Medizinprodukte, stellen wollen. 

ZEIT ONLINE: Die aber keinerlei Aussicht auf Erfolg haben wird, oder?

Scholz: Ok, man muss kein Prophet sein, um eine Absage vorherzusagen. Aber wir werden uns bei der Begründung sehr viel Mühe geben. Bei übergeordnetem wissenschaftlichen oder öffentlichen Interesse kann eine solche Ausnahmegenehmigung erteilt werden. Wir werden die medizinische Begründung sehr ausführlich darlegen, warum es sehr wohl im öffentlichen Interesse ist, Cannabis in Deutschland kontrolliert für medizinische Zwecke anzubauen.   

"Für den Anbau brauchen wir externes Know-how"

ZEIT ONLINE: Warum eigentlich?

Scholz: Aktuell ist die Lage doch absurd: Cannabis-Produkte dürfen verschrieben und verabreicht werden. Unter bestimmten Voraussetzungen darf ein sehr kleiner Kreis von Kranken Hanf sogar selbst anbauen. Aber was soll das bringen, wenn ein 70jähriger Alzheimer-Patient theoretisch sein eigenes Cannabis anbauen darf? Natürlich müsste man solchen Patienten erlauben, das an einen lizensierten Dienstleister weiterzugeben. Darum geht es.

ZEIT ONLINE: Derzeit wird Cannabis für einige Patienten importiert.

Scholz: Das ist eine regelrechte Perversion. Auf den Automarkt übertragen würde das bedeuten: Sie dürfen sich Ihr Auto selbst bauen, aber nicht beim erfahrenen Händler kaufen. Oder sie dürfen es beim erfahrenen Händler erwerben, aber nur wenn der im Ausland sitzt. Ich halte diese Regelung für europarechtlich nicht haltbar. Das widerspricht dem Grundsatz der Gleichbehandlung, die zu einer verbotenen Inländerdiskriminierung führt. Das muss eigentlich dem Europäischen Gerichtshof vorgelegt werden, aber das kann ein langer Weg werden.

ZEIT ONLINE: Sie wollen in jedem Fall klagen?

Scholz: Wir werden alle Mittel ausschöpfen, ja. Wird der Antrag abgelehnt, durchlaufen wir eben die gesamte Verwaltungsgerichtsbarkeit, es sei denn, ein Verwaltungsgericht legt das vorher schon dem Europäischen Gerichtshof vor.

ZEIT ONLINE: Haben Sie politische Unterstützung?

Scholz: Ich bin bereits mit einigen konservativen Politikern aus der CDU in Kontakt getreten, die der Initiative offen gegenüberstehen. Konservative wirken viel überzeugender als die üblichen Verdächtigen von Grünen oder Linken, wobei wir die Fühler in alle Richtungen ausstrecken werden. Wir wollen die ideologischen Barrieren aufbrechen, weil sachliche Gründe für den Anbau sprechen, das hat nichts mit Parteipolitik zu tun.

ZEIT ONLINE: Haben Sie auch einen Anbauexperten in Ihren Reihen?

Scholz: Nein. Wir brauchen externes Know-how. Entweder das Wissen der Pharmaindustrie, wir haben da schon ein kleines Unternehmen im Auge, das sehr aktiv ist im Pflanzensektor, oder Experten des legalen Anbaus aus dem Ausland. Wir sind deswegen mit Aktivisten und Geschäftsleuten in Denver und in Israel in Kontakt.

ZEIT ONLINE: In Deutschland gibt es viele Experten, allerdings aus dem illegalen Anbau. Haben Sie Berührungsängste?

Scholz: Nein, warum auch? Für mich persönlich sind das keine Kriminellen. Wir haben nur derzeit keinen solchen Kontakt.

ZEIT ONLINE: Wenn sie tatsächlich eine Lizenz bekommen sollten, werden viele nachziehen, womöglich auch große Konzerne, dann haben Sie gar nichts davon...

Scholz: Das sind strategische Überlegungen, die wir momentan hinten anstellen. Aber denkbar sind viele Optionen. In Hannover sitzt Reemtsma, das Zigarettengeschäft läuft nicht mehr so gut, vielleicht wären die an einer Allianz interessiert? Wenn es soweit ist, werden sich solche Sachen schnell finden.

ZEIT ONLINE: Wie lange wird Ihr Atem reichen?

Scholz: Wir werden das durchfechten bis zum Schluss und bis zu den höchsten Instanzen. Wir sind von unserem Anliegen fest überzeugt und wollen das Thema auf diese Art in den Fokus rücken. Warum soll man Medizinalhanf auch importieren müssen, wenn man ihn hier nach unseren Regeln und Ansprüchen selbst gewerblich anbauen könnte? Das macht doch keinen Sinn.

© Rogner & Bernhard

Rainer Schmidt ist Journalist und Schriftsteller. Er hat mehr als ein Jahr in der Gras-Szene recherchiert.

Die Geschichte eines verurteilten Grasproduzenten hat ihn zu seinem Roman "Die Cannabis GmbH" inspiriert, der im Verlag Rogner & Bernhard erschienen ist.