Wie krank war Andreas Lubitz wirklich? Und vor allem, woran litt er? Der Copilot des Germanwings-Fluges 4U9525 soll nach bisherigen Erkenntnissen die Maschine mit weiteren 149 Menschen an Bord in den Absturz gezwungen haben. Nun überschlagen sich die Meldungen über seine Krankschreibung am Tag, als der Airbus A320 in den Alpen zerschellte. Ohne Belege der Staatsanwaltschaft zu nennen, spekulieren Medien offen über eine psychische Erkrankung Lubitz', alles allein unter Berufung auf "Ermittlerkreise".

Nicht nur hat der französische Staatsanwalt Brice Robin mit seinen öffentlichen Aussagen das Urteil über die Absturzursache jeder forensischen Untersuchung vorweggenommen. Die aktuelle Berichterstattung rückt psychische Erkrankungen unausgesprochen in die Nähe von Straftaten. Wer an ihnen leidet, der scheint mittlerweile eine Gefahr für sich und andere. Doch bergen Depressionen tatsächlich solche Risiken für die allgemeine Sicherheit? Mitnichten. Experten warnen vor diesem Fehlschluss.

 "Zu jedem Zeitpunkt leiden in Deutschland mehr als 4,5 Millionen Menschen unter einer diagnostizierten Depression", sagt Isabella Heuser, Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Berliner Charité. "Das sind rund 6 Prozent der gesamten Bevölkerung. Die Dunkelziffer liegt wahrscheinlich deutlich höher." Das zeigen repräsentative Befragungen, wie jene des Robert Koch-Instituts, die im Jahr 2013 im Bundesgesundheitsblatt erschien.

Der Studie zufolge berichteten von den rund 8.000 Befragten mehr als acht Prozent von den klassischen Symptomen einer klinischen Depression. Die Gefahr, irgendwann im Leben die Diagnose Depression zu bekommen, liegt der Studie zufolge bei rund 12 Prozent. Solche Zahlen zeigen ganz klar: Depression ist eine Volkskrankheit (Busch et al., 2013).

Mordgedanken sind kein Symptom

Der Diagnose-Leitfaden für die Psychiatrie (ICD-10) beschreibt die Symptome einer Depression folgendermaßen: "Die Fähigkeit zu Freude, das Interesse und die Konzentration sind vermindert. Ausgeprägte Müdigkeit kann nach jeder kleinsten Anstrengung auftreten. Der Schlaf ist meist gestört, der Appetit vermindert. Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen sind fast immer beeinträchtigt." Weiter heißt es, begleitend könnten "somatische Symptome auftreten", darunter "Früherwachen, Morgentief, deutliche psychomotorische Hemmung, Agitiertheit, Appetitverlust, Gewichtsverlust und Libidoverlust." Keine Spur von Tötungsgedanken. Sie kommen vor, allerdings mit dem Unterscheid, dass sich die Aggressivität solcher Gedanken nicht gegen andere richtet.

"Zu den Symptomen einer Depression gehört nicht der Wunsch, anderen Leid anzutun. In meiner gesamten Karriere habe ich das bei noch keinem einzigen Patienten erlebt", sagt Ulrich Hegerl. Er leitet die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Leipzig. Hegerl hofft, dass das Stigma der Depression nach den Spekulationen über den mutwilligen Crash der Germanwings-Maschine in den französischen Alpen nicht wieder auflebt.

Völlig verschiedene Krankheitsbilder sollten nicht verwechselt werden. Falls der Absturz eine Tat gewesen ist, wovon die Ermittler nach bisherigem Wissen ausgehen, sei sie möglicherweise mit Psychosen und narzisstischen Persönlichkeitsstörungen assoziiert, nicht mit der klassischen Depression. Nur in sehr schweren Fällen und äußerst selten kommt es vor, dass Menschen andere und schließlich sich selbst töten. Dabei haben sie aber meist eine sehr enge Beziehung zu den Menschen, die sie mit in den Tod nehmen. Solche Taten geschehen aber nicht aus Menschenhass, sondern in der Überzeugung den anderen Menschen gehe es ähnlich wie einem selbst. Andreas Lubitz kannte allein seine Crewmitglieder, nicht die weiteren 144 Menschen an Bord.

Depressionen sind gut behandelbar

"Eine Depression ist eine Erkrankung des Gehirns, wie zum Beispiel Parkinson oder Alzheimer. Im Gegensatz zu diesen schweren Krankheiten aber sind Depressionen heute sehr gut behandelbar", sagt die Medizinerin Heuser von der Charité. "Heute ist die vorherrschende Meinung in der Psychiatrie, dass Depression ein Ungleichgewicht in der Anzahl verschiedener Rezeptoren im Gehirn ist, die Stresshormone binden", sagt Heuser.

Das Ungleichgewicht dieser Rezeptoren wird auch von einer Generation an die nächste vererbt, allerdings nicht über die Gene, sondern epigenetisch, also ohne dass es eine Mutation gibt. Menschen mit diesem Ungleichgewicht reagieren auf vermehrten Stress sensibler. Es ist also nicht so, dass Lebensumstände eine Depression direkt auslösen, sondern die Veranlagung macht einen anfälliger dafür.

Unter Frauen liegt die Zahl der berichteten und diagnostizierten Depressionen in den meisten Statistiken etwa doppelt so hoch wie bei Männern. "Allerdings liegt das nicht so sehr an biologischen Unterschieden", sagt Heuser. "Über die letzten zehn Jahre ist die Zahl diagnostizierter Depressionen bei beiden Geschlechtern gestiegen, aber die Männer schließen langsam zu den Frauen auf."