Dass Kinder, die daheim regelmäßig Opfer von häuslicher Gewalt werden, später zu Eltern heranwachsen, die ihren eigenen Nachwuchs ebenfalls häufiger misshandeln, ist eine weit verbreitete Annahme. Tatsächlich ist bisher aber unklar, wie groß der Einfluss solcher bedrückenden Kindheitserfahrungen tatsächlich ist. Während manche Forschungsarbeiten darauf hinweisen, dass Gewalt von Generation zu Generation weitergegeben wird, fanden andere keinen Effekt. Ein neues Licht auf dieses Thema wirft nun eine Studie, die Wissenschaftler um Cathy Widom von der City University of New York im Fachmagazin Science veröffentlichten. Ihre Langzeituntersuchung demonstriert: Ob Opfer später tatsächlich häufiger selbst zu Tätern werden, hängt auch davon ab, wen man fragt (Widom & Czaja & DuMont, 2015).

Setzt sich Gewalt innerhalb der Familie fort? Das ist selbst mit wissenschaftlichen Methoden schwer zu beantworten. Denn zu zahlreich sind andere Einflüsse, die genauso große Auswirkungen haben könnten wie das Verhalten der eigenen Eltern, etwa genetische Prädispositionen, das Bildungsniveau oder das übrige soziale Umfeld, in dem jemand aufwächst. Diese Faktoren lassen sich kaum herausrechnen, wenn man sich eine Stichprobe prügelnder Eltern sucht und rückwirkend nachschaut, was denn in deren Kindheit schiefgelaufen sein könnte.

Widom und ihre Kollegen wählten daher einen anderen, weitaus aufwändigeren Ansatz: 30 Jahre lang begleiteten sie eine Gruppe Probanden, die in ihrer Kindheit körperlich oder sexuell misshandelt oder vernachlässigt worden waren, sowie eine möglichst ähnliche Vergleichsgruppe, die aus gleichen Verhältnissen stammte, aber eine gewaltfreie Jugend erlebt hatte. Die Forscher befragten die Teilnehmer beider Gruppen während dieser Zeit regelmäßig, um herauszufinden, wie diese später ihre eigenen Kinder behandelten. Die ersten Interviews fanden zwischen 1989 und 1995 statt, die Probanden waren damals im Durchschnitt 29 Jahre alt. 2009 und 2010 befragten die Wissenschaftler zusätzlich auch die Kinder von rund 650 ihrer Versuchsteilnehmer und durchforsteten außerdem die Aufzeichnungen der US-amerikanischen Jugendschutzbehörden, bei denen Misshandlungen von Kindern und Jugendlichen angezeigt werden.

Eltern mit Vorgeschichte werden häufiger auffällig

Die Auswertung der Daten zeigte, dass Eltern mit Gewalt-Vorgeschichte doppelt so oft bei den Behörden auffällig wurden wie Probanden der Vergleichsgruppe. Das galt aber nur im Hinblick auf sexuellen Missbrauch und Vernachlässigung; körperliche Misshandlungen ereigneten sich nicht häufiger. Auch der Nachwuchs der betreffenden Versuchsteilnehmer berichtete vermehrt von sexueller Gewalt und Vernachlässigung und gab öfter an, Kontakt zu den Jugendschutzbehörden gehabt zu haben. Mit der Selbsteinschätzung der Probanden deckte sich das allerdings nicht: Eltern, die in ihrer Kindheit häusliche Gewalt erfuhren oder vernachlässigt wurden, gaben zwar häufiger zu, ihre eigenen Kinder ebenfalls zu vernachlässigen, mehr Misshandlungen gestanden sie aber nicht ein.

Eine Überraschung erlebten die Forscher, als sie sich all jene Probanden genauer anschauten, die – Vorgeschichte hin oder her – ihre Kinder letztlich den Befragungen zufolge schlecht behandelten. Auch hier wurden Eltern, die in ihrer Kindheit selbst Opfer von Gewalt waren, deutlich häufiger behördlich angezeigt. Widom und ihr Team sehen das aber als mögliche Verzerrung. So schauen Jugendschutzbehörden offenbar deutlich häufiger auf vorbelastete Eltern, während ihnen Misshandlungen in anderen Familien möglicherweise öfter entgehen.

Alles in allem deutet in den Augen der Wissenschaftler vieles darauf hin, dass Eltern tatsächlich dazu neigen, die Erfahrungen aus ihrer eigenen Kindheit auf ihren Nachwuchs zu übertragen. Wer sich aber nur auf die Daten von Jugendämtern stützt, könnte trotzdem am Ende falsche Schlüsse ziehen und den Effekt überschätzen, warnen sie.

Trotz der aufwändigen Vorgehensweise hat auch die Studie der New Yorker Forscher ihre Grenzen. So bewegten sich die meisten der Studienteilnehmer eher im unteren sozialen Milieu – es ist also unklar, inwiefern sich die Ergebnisse auf die breite Masse übertragen lassen. Hinzu kommt, dass auch Widom und Kollegen ihre Probanden nur anhand der Daten der Jugendschutzbehörden auswählen konnten. Was in jenen Familien passiert, die in keiner Statistik auftauchen, bleibt demnach weiterhin im Dunklen.