Hallo, geht's noch? Hier stehen Menschenleben auf dem Spiel! Man möchte Gesundheitsminister Gröhe am liebsten schütteln. Damit von seinem Plan, gefährliche Keime zu bekämpfen, überhaupt eine kleine Hoffnung ausgehen kann. Sonst wird dieses Papier wie so viele zuvor ein Dokument des Elends bleiben, Symbol der Hilflosigkeit, mit der das deutsche Gesundheitswesen multiresistenten Erregern begegnet.

Jedes Jahr sterben in Deutschland nach offiziellen Schätzungen bis zu 15.000 Menschen an Infektionen, die überwiegend durch antibiotikaresistente Keime verursacht wurden. Vermutlich sind es aber noch viel mehr. Das haben zuletzt Recherchen von ZEIT ONLINE, DIE ZEIT, der Funke-Mediengruppe und Correct!v gezeigt.

Was also tun? Zehn Vorhaben haben die Beamten unter Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) formuliert und darüber die Schlagwörter Hygiene, Qualität und Transparenz gesetzt. Doch da beginnt schon das Problem. Denn wer nachfragt, was sich dahinter genau verbirgt, hört viele "könnte", "sollte", "muss noch abgestimmt werden".

Dabei stehen die richtigen Ideen in der Zehnerliste. Ein Beispiel: Patienten, die geplant ins Krankenhaus gehen, sollen vorher von ihrem Hausarzt auf multiresistente Keime hin untersucht werden. Finden sich welche, können sie sofort bekämpft werden. Dann besteht keine Gefahr, dass die Erreger später in der Klinik in Operationswunden wandern und dort schlimme Infektionen auslösen. Und das Krankenhaus muss sich nicht sorgen, dass der Patient Keime einschleppt, mit denen er Mitpatienten anstecken könnte.

Woher die tödlichen Keime kommen und warum Multiresistenzen so gefährlich sind

Krankenhaushygieniker fordern eine solche Pflicht schon lange, manche Kliniken untersuchen Risikopatienten längst selbst darauf, ehe sie sie weiterbehandeln. Was also hindert das Gesundheitsministerium, eine solche Pflichtuntersuchung zu verlangen? Im Papier jedoch heißt es, die Pflicht müsse "weiter untersucht und geprüft" werden.

Oder: Die Meldepflicht für antibiotikaresistente Erreger soll verschärft werden. Das ist sinnvoll, denn nur so ist messbar, wie sich die Keime verbreiten. Wer das weiß, kann sie zielgenau bekämpfen. Für den berühmt-berüchtigten Erreger MRSA ist das schon der Fall. Er ist meldepflichtig und inzwischen stagniert die Zahl der Infektionen, die jahrelang stetig gestiegen war. Nun will das Ministerium die sich schnell ausbreitenden multiresistenten gramnegativen Erreger (4MRGN) und das Darmbakterium Clostridium difficile mit der gleichen Meldepflicht belegen. Das ist gut, zumal 4MRGN mit herkömmlichen Antibiotika kaum noch zu bekämpfen ist.

Doch was ist mit den anderen stark verbreiteten Keimen ESBL und VRE? Immerhin ist die Zahl der bei den Krankenkassen abgerechneten VRE-Diagnosen seit 2010 um 40 Prozent gestiegen, die der ESBL-bildenden Keime um 50 Prozent. Die Antwort: "Das muss noch abgestimmt werden." Vielleicht wird die Liste also noch länger. Vielleicht aber auch nicht.

Beispiel Nummer drei: Die Hygienestandards in Krankenhäusern sollen ausgebaut werden. Immerhin 365 Millionen Euro stellt ein Förderprogramm des Bundes zur Verfügung, damit bis 2016 notwendiges Hygienepersonal eingestellt werden kann. Doch was ist eigentlich damit gemeint: studierte Hygieniker, also Mediziner und Mikrobiologen, die wissen, wie man auch schwierige Infektionen bekämpft und ihre Ausbreitung eindämmt – oder Reinigungspersonal? Auch hier bleibt die Antwort vage.

Es wäre leicht, Klarheit zu schaffen. Der Blick nach Holland, das hierzulande stets als Goldstandard der Keimbekämpfung zitiert wird, zeigt: Während es im vergleichbar großen Nordrhein-Westfalen 430 Akutkrankenhäuser mit Intensivstationen gibt, wo besonders viele multiresistente Keime auftreten, haben die Niederlande nur 99 solcher Kliniken. NRW hat auch dreimal mehr Krankenhausbetten pro tausend Einwohner als Holland. Dafür gibt es an Rhein und Ruhr jedoch nur ein Drittel so viele Krankenhaushygieniker wie in niederländischen Häusern. Und nur zehn Prozent der deutschen Kliniken haben überhaupt einen hauptamtlichen Hygieniker.

Dabei zeigen Studien längst, dass mit jeder zusätzlichen Pflegekraft im Krankenhaus die Gefahr einer Keimerkrankung sinkt (Kane et al., 2007). Für das Gesundheitswesen ist es sogar billiger, zusätzliche Krankenschwestern und Pfleger zu finanzieren, als komplizierte Nachbehandlungen und Wiedereinweisungen bezahlen zu müssen (Penoyer et al., 2010). Was macht es den Beamten also so schwer, das eindeutig zu formulieren?

Denn das Problem ist doch erkannt, es gibt sogar gute Ideen, was getan werden muss. Gerade deshalb erschreckt die Zögerlichkeit, die immer wieder aus dem Papier des Ministeriums spricht. 

Ja, das Problem ist komplex. Ja, kein Politikfeld ist so durchsetzt von mächtigen Gruppeninteressen wie die Gesundheit. Ja, wenn immer noch 64 Prozent der niedergelassenen Mediziner glauben, dass das, was sie täglich an Antibiotika verordnen, keinen Einfluss auf die Anzahl und Art resistenter Erreger in ihrer Gegend hat, dann ist es mit dem Bewusstseinswandel noch nicht sehr weit her.

Umso entschiedener muss ein Fachminister Druck entwickeln und erhöhen. Für fast alle vorgeschlagenen Maßnahmen braucht es kein Gesetz, sie lassen sich auf dem Verordnungswege regeln. Es gibt auch genug Fachleute und fertige Konzepte, wie die Vorhaben konkret umgesetzt werden können, sei es die Meldepflicht, seien es Hygieneregeln oder Screeningverfahren. All das ist längst untersucht und geprüft. Jetzt heißt es handeln.

Der Wille ist da. So fordert der Plan auch verpflichtende Fortbildungen zum Umgang mit Antibiotika und Hygiene für alle Ärzte, ob im Krankenhaus oder in der Praxis. Auch dafür liegen längst fertige Konzepte vor. Worauf warten? Es geht um Menschenleben.

Haben Sie Informationen zu diesem Thema? Oder zu anderen Vorgängen in Politik und Wirtschaft, von denen Sie finden, dass die Öffentlichkeit sie erfahren sollte? Wir sind dankbar für jeden Hinweis. Dokumente, Daten oder Fotos können Sie hier in unserem anonymen Briefkasten deponieren.