Ein Helfer hält ein Kind im Arm, das an Ebola erkrankt sein könnte. Viele Kinder wurden in der Krise gegen andere Krankheiten nicht mehr geimpft. © John Moore/Getty Images

Im Dezember 2013 bekommt der kleine Emile aus einem Dorf in Guinea Fieber, Durchfall und erbricht. Ein Arzt denkt an Malaria, doch die Medikamente helfen nicht. Bald darauf stirbt der Junge. Er war patient zero – das erste Opfer der tödlichsten Ebola-Epidemie in der Geschichte mit bislang mehr als 24.300 Erkrankten und 10.000 Verstorbenen.

Emile lebte mit seiner Familie abgelegen in einem Waldgebiet, mit nur einer kleinen Gesundheitsstation in der Nähe. Gegen Krankheiten wie Masern, Keuchhusten oder Polio war er wie viele Kinder in ländlichen Gebieten Westafrikas vielleicht nicht einmal geimpft. Schätzungsweise 778.000 Menschen in Liberia, Guinea und Sierra Leone fehlte schon damals der Schutz. Seit das Ebola-Virus sich in der Region ausbreitet, haben sich die Impflücken erheblich vergrößert. Wenn nicht bald etwas passiert, steht Westafrika an der Schwelle zur nächsten Seuchenkatastrophe.

Allein die Folgen eines Masern-Ausbruchs könnten innerhalb kurzer Zeit den Schrecken von Ebola erreichen. Das haben Forscher aus den USA errechnet (Takahasi et. al., 2015). Im Magazin Science haben sie ihre Analyse veröffentlicht.

Vor der Ebola-Epidemie hätten Masernviren bis zu 127.000 Menschen anstecken können, geschätzte 7.000 wären an der Krankheit gestorben. 18 Monate nach den ersten Ebola-Erkrankungen müsse Westafrika nun im Mai 2015 schon mit bis zu 227.000 Masern-Infizierten und 5.000 zusätzlichen Toten rechnen. Noch ist die Krankheit nicht ausgebrochen. Sollte es soweit kommen, würde die zu erwartende Zahl an Masernopfern also 12.000 erreichen und damit die aktuelle Zahl an Ebola-Toten übersteigen.

In ihren Prognosen gehen die Mediziner und Epidemiologen davon aus, dass die Zahl der ungeimpften Kinder in den drei am stärksten von Ebola betroffenen Ländern monatlich um rund 20.000 zunimmt. Im Mai 2015 werden demnach knapp mehr als 1,3 Millionen Kinder nicht gegen Masern geimpft sein. Weil Säuglinge jünger als neun Monate ohnehin noch nicht gegen das Virus immunisiert werden können, erfassten die Wissenschaftler nur Kinder ab neun Monaten – und bis fünf Jahren. Ältere Kinder, Jugendliche und Erwachsene tauchen in den Berechnungen nicht auf. Doch auch unter ihnen werden jene ohne Impfschutz mehr, sagen die Forscher.

Die Gefahr ist real. Masern treten häufig während oder nach Krisen auf, egal ob diese durch Epidemien oder Kriege ausgelöst wurden. Hilfskräfte haben in diesen Zeiten alle Hände voll zu tun, um bereits Erkrankte oder Verletzte zu versorgen. Impfungen werden da zweitrangig. Erreger wie Masern-Viren, die viel ansteckender sind als etwa Ebola, können sich schließlich rasant verbreiten. Je weniger Menschen geimpft sind, desto heftiger wird ein Ausbruch.

Frank Dörner ist medizinischer Koordinator für Ärzte ohne Grenzen und war im vergangenen Jahr in Sierra Leone im Einsatz. Wohin mangelnder Impfschutz führen kann, zeige sich im vom Krieg zerstörten Syrien, sagt er: "Dort ist Polio ausgebrochen, obwohl es seit Jahren unter Kontrolle war." Eine weitere Seuche hätte es in Westafrika derzeit so leicht wie selten zuvor, sich festzusetzen. Das gilt nicht nur für Masern oder Polio. Auch Hepatitis B, Diphterie, Tetanus oder schwere Verläufe typischer Kinderkrankheiten wie Keuchhusten bedrohen die Ungeimpften. Eine neue Infektionswelle, egal welcher Art, können die zerrütteten und schlecht ausgerüsteten Gesundheitssysteme in Liberia, Guinea und Sierra Leone nicht mehr aushalten.