Mit jedem Rückfall steigt das Risiko für eine länger andauernde depressive Episode.

Vier von fünf Menschen, die eine Depression hatten, werden rückfällig. Und mit jedem Rückfall steigt das Risiko für eine weitere depressive Episode wiederum beträchtlich (Piet & Hougaard, 2011). Um die Abwärtsspirale zu stoppen, verschreiben Ärzte ihren Patienten daher oft Antidepressiva. Genügend Menschen jedoch wollen aus verschiedenen Gründen keine Pillen nehmen – sie vertragen sie beispielsweise nicht oder fürchten eine Abhängigkeit. Andere berichten, dass die Depressionen zurückkehren, sobald sie die Medikamente absetzen. Alternative Therapien sind daher von großem Interesse.

Nun zeigt eine Studie: Die MBCT – kurz für mindfulness-based cognitive therapy, zu Deutsch Achtsamkeitsbasierte kognitive Therapie – kann ebenso gut einen Rückfall verhindern wie Antidepressiva. Das berichten Forscher im Medizin-Journal The Lancet (Kuyken et al, 2015).

Die MBCT basiert auf der Kombination von zwei Therapieansätzen. Zum einen auf Achtsamkeitstechniken, die den Betroffenen darin bestärken, mehr auf das Jetzt zu achten. Zum anderen auf kognitiver Verhaltenstherapie (CBT), die darauf spezialisiert ist, Menschen zu helfen, die bereits mehrere Episoden einer Depression durchlebt haben.

Das Ziel der Therapie: aufzeigen, dass negative Gedanken und Gefühle stets wiederkehren – man sich davon aber freimachen kann. Statt sich ständig zu sorgen, solle man seine Gefühle wahrnehmen, verstehen und akzeptieren, so der Ansatz. Das verhindere ein erneutes Abdriften in eine Depression.

In Großbritannien empfiehlt die Gesundheitsbehörde NICE derzeit, dass Menschen mit wiederkehrender Depression mindestens zwei Jahre lang Antidepressiva nehmen. Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft rät rückfälligen Patienten ebenfalls zu einer erneuten Therapie mit einem Antidepressivum, mit dem sie bereits früher erfolgreich behandelt wurden. Bei länger anhaltenden leichten oder mittelschweren Depressionen geht nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums aus Studien nicht klar hervor, ob eine Psychotherapie oder eine Therapie mit Medikamenten wirksamer ist. Daher solle in diesem Fall besonders auf den Wunsch des Patienten eingegangen werden. In schweren Verläufen orientiert sich das Ministerium an nationalen und internationalen Leitlinien, nach denen eine medikamentöse und eine Psychotherapie kombiniert werden sollten.

Das Team um den Psychologen Willem Kuyken von der University of Oxford hat beide Ansätze nun direkt miteinander verglichen. Zu den Studienteilnehmern zählten 424 Erwachsene aus Praxen im Südwesten Englands, die bereit waren, Pillen oder eine Therapie zu versuchen. Die Hälfte davon wurde zufällig einer Gruppe zugeteilt. Die Therapie-Gruppe hatte acht Sitzungen, die je mehr als zwei Stunden dauerten sowie tägliche Übungen für daheim und die Option, im Folgejahr vier weitere Therapiesitzungen wahrzunehmen. Zu den Kursen gehörte Achtsamkeitstraining, Gruppendiskussionen und kognitive Verhaltensübungen. Nach und nach setzten die Patienten ihre Medikamente ab. Die andere Gruppe nahm die Pillen zwei volle Jahre durch.

Die Rückfallquoten in beiden Gruppen waren in etwa gleich, mit 44 Prozent in der MBCT-Gruppe und 47 Prozent für jene auf Tabletten. Vor der Studie waren die Forscher davon ausgegangen, die Therapie sei effektiver als die Tabletten. "Die Annahme basierte auf einer ersten Studie von uns aus dem Jahr 2008", sagte Erstautor Kuyken dem Guardian. Die Realität zeige jedoch: MBCT sei den Medikamenten nicht überlegen.

Dennoch ist das Ergebnis relevant. So mag MBCT nicht besser sein – die Therapie ist aber zumindest gleich wirksam. Damit ist sie eine Option für jene, die gegen die Rückfallgefahr nicht jahrelang Tabletten nehmen möchten.

Der Psychologe Roger Mulder von der University of Otago in Neuseeland hält die Erkenntnisse ebenfalls für bedeutend. Nicht nur aufgrund der Wirksamkeit solle MBCT als Standardtherapie angeboten werden, sondern auch "weil es sich um eine Gruppentherapie handelt, was Kosten reduzieren und mehreren Menschen auf einmal helfen würde", kommentiert er ebenfalls im Lancet (Mulder, 2015).