Sie haben es wirklich getan. Gerade wurde offiziell, was Kenner der Szene schon seit Wochen wissen: Erstmals haben Wissenschaftler die menschliche Keimbahn angetastet (Liang et al., 2015). Frisch gezeugte Embryos wurden in einem Labor genetisch verändert. Das chinesische Forscherteam um Puping Liang hat seine Ergebnisse jetzt bekannt gegeben, von bevorstehenden Veröffentlichungen weiterer Teams in China und an der amerikanischen Ostküste mit ähnlichen Experimenten ist die Rede. Genetische Eingriffe, die in allen folgenden Generationen weitergegeben würden, weil sie auch Eizellen und Spermien erfassen, galten als Tabu. Das war einmal.  

Dass es eines Tages so kommen würde, war vielen bereits klar, als sich die Genforscher und Biotechlobby selbst Mitte März mit Appellen an die Öffentlichkeit wandten. In den Fachblättern Nature und Science warnten sie vor der historischen Zäsur: Die Technik sei reif, das Erbgut menschlicher Embryonen gezielt zu verändern. Um den bevorstehenden Tabubruch zu verhindern – die Übernahme der Regie bei unserer eigenen Evolution – müsse ein Moratorium vereinbart werden.

Da war es längst zu spät. In Wahrheit hat sich die Gilde der Stammzellforscher, der Gentherapeuten und ihrer kommerziellen Partner in letzter Minute zu distanzieren gesucht. Die Sorge: Bevorstehende Berichte über ethisch fragwürdige Keimbahneingriffe am Menschen könnten die eigene Reputation, die wirtschaftlichen Investitionen und die Forschungsetats ramponieren. Unberechtigt sind solche Befürchtungen sicher nicht.

Erlaubt oder schon ein Werk aus Frankensteins Küche?

Selbst wenn es nun angesichts der Nachrichten aus China zu einer weltweiten Welle der Empörung kommen wird – Verbote, Beschwörungen und Moratorien können die Fragen nicht mehr aus der Welt schaffen: Wie gehen wir mit den Genen unserer Kinder um? Wo wollen wir Grenzen ziehen, soll es einen erlaubten Bereich therapeutischen Erbgut-Engineerings geben?

Die chinesischen Wissenschaftler haben mit Embryos gearbeitet, die sich nie zu einem Baby hätten entwickeln können. Sie wollten erproben, ob man die Blutkrankheit ß-Thalassämie bereits im befruchteten Ei beseitigen kann. Ein Kind und alle seine Nachkommen wären für immer von dieser Erbkrankheit befreit gewesen. Erlaubt oder schon ein Werk aus Frankensteins Küche? Wo beginnt die verwerfliche Anwendung der neuen gentechnischen Werkzeuge, deren Macht die chinesischen Forscher demonstriert haben?

Die Verfahren, sie hören auf kryptische Bezeichnungen wie Crispr oder oligo-directed Mutagenesis, erlauben Umbauten am Erbgut mit unerhörter Präzision; man kann sie sich vorstellen wie ein Textverarbeitungsprogramm für Gene: Sätze oder nur Buchstaben entfernen sie aus dem Bauplan des Lebens, fügen sie ein, ersetzen oder korrigieren sie. In den Labors der Welt haben sie sich rasant verbreitet, obwohl die Verfahren längst nicht fehlerfrei sind. Auch die chinesischen Wissenschaftler berichten von technischen Problemen, von mangelnder Effizienz und fehlgesteuerten Genveränderungen. Für die klinische Anwendung in der menschlichen Fortpflanzung sei das alles noch nicht reif, schreiben sie. Aber: Man arbeitet daran.

Die Natur experimentiert mit Menschen in jeder Generation

Es gibt niemanden, der uns vorschreibt, die Keimbahn wie ein Heiligtum zu behandeln. Aber sie ist etwas Besonderes. Wenn aus dem befruchteten Ei der Embryo entsteht, bilden sich rasch jene Zellen, die später die Eier und die Samen des Menschen hervorbringen. Sie sind die Keimbahn, die Glieder einer nie unterbrochenen Kette, die sich seit Millionen Jahren durch die Generationen zieht. Sie verbindet uns direkt mit dem Beginn des Lebens.

Müssen wir also Hochachtung zeigen vor der Milliarden umfassenden Tradition unserer Erbanlagen? Eher nicht. Tatsächlich wissen wir inzwischen, dass unsere Keimbahn in Wahrheit bloß ein Spielball der Evolution ist. Die Natur behandelt unsere genetische Blaupause nicht im Entferntesten ehrfürchtig. Sie experimentiert mit Menschen in jeder Generation – und das mit schrecklichen Konsequenzen: Die Mehrzahl aller befruchteten Eizellen stirbt. Wir, die Lebenden, sind wenige glückliche Volltreffer.

Ist es da wirklich so vermessen, in diesem Spiel mitzumischen? Immerhin, was die Evolution unserer Erbanlagen angeht, sind wir sicherlich noch stark kurzsichtig, aber nicht blind. Mit den neuen Genomwerkzeugen haben wir eine faszinierende Macht erworben. Crispr & Co. ist ein Synonym für die Emanzipation des Menschen von der Natur. Technologie hat Augenhöhe mit der Evolution erreicht. Für sein weiteres Schicksal ist der Mensch nun allein verantwortlich.