Bisher muss zum Arzt, wer meint, er brauche eine Behandlung beim Physiotherapeuten. Das könnte sich ändern, geht es nach Plänen der Unionsfraktion: Die Abgeordneten von CDU und CSU wollen, dass Krankengymnasten, Logopäden und Masseure frei darüber entscheiden können, was ihre Patienten für Anwendungen brauchen. Sie wollen sogar erproben lassen, ob die Patienten sich direkt an die Heilberufsangehörigen wenden können, ohne zuvor einen Arzt aufsuchen zu müssen. In den Niederlanden und in Schweden ist das so üblich.

Ein entsprechendes Positionspapier der Unionsfraktion sieht vor, dass die Therapeuten auch mehr Geld bekommen sollen.  Zwischen Therapeuten in freien Praxen und dem zum Teil in stationären Einrichtungen gezahlten Tarifeinkommen klaffe eine Differenz von bis zu 40 Prozent, heißt es in dem Papier, das ZEIT ONLINE vorliegt. Hinzu kommen die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland. Beides wolle die Union "zeitnah angehen". 

Bislang muss eine Behandlung vom Arzt verordnet werden. Dadurch sehen sich viele Therapeuten eingeschränkt. Denn es gehört zu ihrer Fachkompetenz, für die jeweilige Diagnose die richtige Therapie festzulegen. Viele Therapeuten beherrschen zudem durch Weiterbildungen eine viel größere Palette von Anwendungen und Behandlungen, als den Ärzten bekannt ist. Auch in Modellversuchen von Physiotherapeuten bestätigte sich dies. Ärzte lehnten den Direktzugang der Therapeuten bisher ab.

Die Arbeitsgruppe Gesundheit der Unionsfraktion beschloss das Papier Ende März. In drei Kapiteln behandelt es die Verbesserung der Versorgungsdichte, die Forderung nach mehr Eigenverantwortung von qualifizierten Therapeuten sowie die sogenannte Blankoverordnung, die den Direktzugang der Patienten zu den Therapeuten ermöglichen soll.  

Würden Ärzte ihre Patienten künftig ohne Behandlungsvorgaben zum Therapeuten schicken, ließe sich laut Union sogar Geld sparen, da sich die Zahl der Behandlungen verringere. Patienten profitieren demnach stärker von Maßnahmen, die der Therapeut vorschlägt, die Zufriedenheit der Fachkräfte würde steigen. Zudem würde den Ärzten Arbeit abgenommen.      

Testphase ab 2016

Durch die geplante Optimierung des Behandlungsablaufs entstehe also "erstens ein Einsparpotenzial für die Gesetzliche Krankenversicherung, zweitens eine teilweise Kompensation künftiger Versorgungsengpässe und drittens eine höhere Patientenzufriedenheit", heißt es in dem Papier, aus dem die Süddeutsche Zeitung zuerst zitierte

Nach Vorstellung der Fraktion sollen die politischen Verhandlungen über eine Blankoverordnung 2016 beginnen. Verlaufe die Erprobung eines direkten Zugangs der Patienten zu den Therapeuten erfolgreich, werde auch diese übernommen.

Damit die Therapeuten mehr Verantwortung übernehmen können, will die Union zunächst die Aus- und Weiterbildungsstandards erhöhen. Therapeuten sollten Zusatzqualifikationen etwa zur Erstellung von Diagnosen und Therapieberichten absolvieren. Das sogenannte Screening von Patienten, Diagnosestellung, Erstellung von Therapieberichten oder die Überweisungsund
Verordnungskompetenz sollen in die Ausbildung integriert werden. Damit die Ausbildungszahlen in den Berufen nicht weiter absinken, will die Union das Schulgeld abschaffen. In den Ausbildungseinrichtungen zahlen angehende Therapeuten etwa 400 Euro im Monat. Auch von der Notwendigkeit einer Ausbildungsvergütung ist die Rede. 

Patienten profitieren

Nach Ansicht des niedersächsischen CDU-Politikers und Sportphysiotherapeuten Roy Kühne, der in Northeim eine Praxis betreibt, wird der Beruf des Therapeuten durch die Initiative gestärkt. Eine moderne Ausbildung, eine gute Bezahlung und eine stärkere Verantwortung im praktischen Alltag seien nötig, sagte der Initiator des Papiers. "Davon profitieren am Ende vor allem die Patienten. Und auf die kommt es schließlich an." Kühne sieht gute Chancen für die Umsetzung, der Koalitionspartner SPD habe bereits Zustimmung signalisiert, sagte er. 

Der gesundheitspolitische Sprecher der Union, Jens Spahn, sagte: "Therapeuten sind eine wichtige Stütze unseres Gesundheitswesens. Wir müssen diesen Beruf zukunftsfähig und attraktiv für Nachwuchs machen."