Japanisches Blutdruckmessgerät, das mit dem Smartphone verbunden wird © Bloomberg/GettyImages

Millionen Menschen zählen mit Fitnessarmbändern, mit dem Smartphone und bald auch der Apple Watch ihre Schritte, berechnen Ihren Kalorienverbrauch, überwachen Ihren Schlaf. Die Technik ist längst nicht ausgereift, aber die Messgeräte und Geschäftsmodelle der Zukunft sind bereits abzusehen. Wir beschreiben in Analysen, Interviews und Videos, wo die Quantified-Self-Bewegung heute steht und werfen einen Blick in die Zukunft der Selbstvermessung.

Sie haben 3.000 Fuel points verdient, Gratulation! Dafür haben Sie bis 16 Uhr drei Kaffee zu viel getrunken, Schluss damit! 7.568 Schritte haben Sie heute gemacht, da geht noch was! Und Vorsicht: Ihre Nacht war nur zu 60 Prozent effizient, brauchen Sie Tipps zum Einschlafen?

Der Ratgeber hier ist nicht der Arzt, auch spricht nicht das Gewissen. Es ist das Smartphone. Quantified Self heißt die Vermessung des Menschen mit Apps und Wearables, das "Ich in Daten". Laut einer aktuellen Onlineumfrage haben rund 40 Prozent der Deutschen mindestens eine Selbstvermessungsapp auf ihrem Smartphone, drei Viertel davon nutzen sie auch. Ihr Ziel: Sich selbst besser verstehen, als es der Hausarzt tut, aktiver werden, fitter werden, bewusster oder gesünder leben – und dafür vielleicht als vorbildlicher Kunde von der Krankenkasse belohnt werden.

Die entscheidende Frage dabei ist, ob sich Leistung, Gesundheit oder auch Glück mittels Kalorien-Schlafrhythmus-Schrittzähler- und Wie-oft-habe-ich-zum-Keks-gegriffen-Apps vermessen lassen – und was die Nutzer aus ihren Daten herauslesen können.

Viel ist es nicht. "Wir sammeln im Augenblick Tausende Daten, ohne zu wissen, welche Relevanz sie haben", sagt der Sportwissenschaftler Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule Köln. Das zentrale Problem ist nicht die Technik, sondern der menschliche Körper: "Wir kennen den Menschen und seine Reaktionen größtenteils noch gar nicht", sagt Froböse.

Die Wege etwa, die die Nährstoffe im menschlichen Körper nehmen, sind komplex. Was wann und wo genau passiert und mit welchen Folgen, ist nicht geklärt. "Wir sehen oft nur das Ergebnis. Wie es dazu gekommen ist, kann dennoch rätselhaft sein", sagt Froböse. So könne das Gewicht zwar ein Indikator für ein Gesundheitsrisiko sein, "es ist aber zunächst auch nur ein Symptom". Ein erhöhter Puls könne ebenfalls auf ein Problem hindeuten, doch was ist die wahre Ursache?

Eines zumindest weiß Froböse: Nicht alles, was die Anbieter von Quantified-Self-Gadgets versprechen, können sie halten. Denn Aktivität ist nicht das Gleiche wie Fitness oder gar Gesundheit.

Wer täglich 10.000 Schritte macht, lebt nicht zwingend gesünder als jemand, der nur 5.000 schafft. Vielleicht nicht einmal aktiver. Die Zahl zeigt an, dass jemand sich bewegt; nicht aber, wie intensiv. Darüber kann zwar die Herzfrequenz während einer Belastung Auskunft geben, und die mag beim Treppensteigen auffallend hoch sein, was aber sagt das aus? "Und wenn ich meine Schlafzeiten aufzeichne und feststelle, dass ich für meine Altersklasse und das Geschlecht zu wenig geschlafen habe, mich aber verdammt ausgeschlafen fühle, was dann?", fragt Froböse.

Verhalten lässt sich besser messen als Gesundheit

Ein anderes Beispiel: Wer eine Strecke besonders schnell läuft, ist nicht unbedingt fit. Zur Fitness gehören nach Angaben des Sportwissenschaftlers auch Beweglichkeit, Schnelligkeit, Kraft, Ausdauer, Koordination, Anpassungsfähigkeit, Orientierungsfähigkeit und einiges mehr. Viele mögen sich nach dem Laufen besonders gut fühlen, weil sie sehr schnell – also schneller als der Rest – gelaufen sind. Sie schlafen dann aber vielleicht unruhig, weil der Körper eigentlich überfordert war, zudem verschlechtert sich der Harnsäurespiegel, weil die Muskeln ständig übersäuert sind. "Das Äußere war in solchen Fällen viel dominanter als die Signale des Körpers, das kann dann sogar schädlich sein", sagt Froböse.

Vermessen, verbessern, verkaufen: Wohin führt die Quantified-Self-Bewegung? Ein Schwerpunkt © Getty Images

Wer Höchstleistungen vollbringt, lebt also nicht automatisch gesund. "Gesundheit mit Algorithmen zu erfassen, ist unmöglich", sagt der Sportwissenschaftler. "Außer man versucht, sie auf verschiedene physiologische Funktionen zu reduzieren." Genau das tun viele Apps und Fitnesstracker. Sie reduzieren den Körper auf das Messbare. Sport ist damit gleich Leistung. "Der eigentliche Effekt von Bewegung aber liegt im Inneren: Die Stimulation der Organe etwa, die Stress-Abwehr und eine Optimierung des Wohlbefindens – darüber gibt mir eine App keine Auskunft."

Andere sehen einen größeren Nutzen in Quantified-Self-Werkzeugen. "Self-Tracking ermöglicht es, neue Fähigkeiten wahrzunehmen, die den bisherigen Sinnen verborgen bleiben", schreibt etwa die Philosophin Melanie Swan. Richtig genutzt, werde der individuelle Körper dadurch bekannter, berechenbarer und behandelbarer. (Swan, 2013) Bislang, davon ist auch sie überzeugt, sagen die Messwerte der meisten Apps allerdings wenig über unsere Gesundheit aus. Sie verraten nur etwas über unser Verhalten, das aus medizinischer Sicht oft zu wünschen übrig lässt.