Im Prozess um den Transplantationsskandal an der Uniklinik Göttingen ist der angeklagte Arzt freigesprochen worden. Das Landgericht Göttingen ließ die Vorwürfe gegen den Chirurgen Aiman O. fallen. Richter Ralf Günther sagte in einer ersten Urteilsbegründung, die Verstöße des Angeklagten seien zum Tatzeitpunkt nicht strafbar gewesen.

Die Staatsanwaltschaft hatte den 47-Jährigen angeklagt, weil er medizinische Daten manipuliert hatte. Durch falsche Angaben gegenüber Eurotransplant, der Vermittlungsstelle für Spenderorgane in Europa, waren eigene Patienten des Mediziners bevorzugt mit Spenderlebern versorgt worden. Anderen Patienten auf der Eurotransplant-Warteliste wären damit Organe vorenthalten worden. O. hätte so wissentlich ihren möglichen Tod in Kauf genommen. Die Anklage hatte dem Mediziner daher versuchten Totschlag in elf Fällen vorgeworfen.

Zudem wurde Aiman O. Körperverletzung mit Todesfolge in drei Fällen angelastet, nachdem Transplantationspatienten nach Eingriffen verstorben waren. In allen drei Fällen sei die Transplantation aber eine vertretbare Behandlung gewesen, sagte der Vorsitzende Richter. Die Ankläger vertraten hingegen die Auffassung, dass die Operationen nicht erforderlich waren und zudem die Erkrankten nicht ausreichend über Risiken und mögliche Alternativen aufgeklärt wurden.

Der Angeklagte selbst hat die Vorwürfe gegen sich stets bestritten. Ihm sei es um das Wohl seiner Patienten gegangen. Die Staatsanwaltschaft hatte eine Haftstrafe von acht Jahren und ein lebenslanges Berufsverbot als Transplantationschirurg für O. gefordert, die Verteidigung hatte einen Freispruch in allen Punkten verlangt. Das Verfahren lief seit August 2013.

Nach dem Freispruch erklärte die Staatsanwaltschaft, sie werde voraussichtlich den Bundesgerichtshof anrufen. Auch das Landgericht stellte zwar mehrere Verstöße durch O. fest. Die Manipulationen seien "moralisch zu missbilligen", betonte der Vorsitzende Richter Ralf Günther. Es gebe aber "keine Anhaltspunkte für ein strafrechtlich relevantes Verhalten".

Der 2012 öffentlich gewordene Skandal um manipulierte Patientendaten war mit dafür verantwortlich, dass das Vertrauen in die Organspende gesunken ist. Neben den Fällen in Göttingen, gab es auch veränderte Patientenakten an Kliniken in Müster, München, Leipzig und Berlin. 2014 erreichte die Zahl der Organspender mit 864 den niedrigsten Stand seit 1997.

Der Gesetzgeber und die Ärzteschaft haben inzwischen auf den Transplantationsskandal reagiert. Unter anderem beschloss die Bundesärztekammer schärfere Kontrollen und ein Mehraugenprinzip. Mittlerweile entscheidet nicht mehr nur noch der behandelnde Arzt, ob ein Patient auf die Warteliste für Spenderorgane aufgenommen wird. Der Bundestag beschloss zudem 2013, dass Ärzte, die Patientendaten verändern und Wartelistenplätze verfälschen, eine Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren oder eine Geldstrafe erwartet.

Der Vorsitzende des Bundestags-Gesundheitsausschusses, Edgar Franke (SPD) hält das deutsche Organspende-System nun für weitgehend manipulationssicher. Im Südwestrundfunk sagte er, dass der Skandal politisch bereits gut aufgearbeitet sei: Auch durch Kontrollen der Transplantationszentren seien Vorgänge wie in Göttingen inzwischen nicht mehr möglich.

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