Der größte Transplantationsskandal dieses Landes hat nichts mit geraubten oder gekauften Organen zu tun. Es geht nicht um versteckte OP-Säle in denen skrupellose Organhändler die Organe Unschuldiger verkaufen. Wo Unfallopfer, die eigentlich noch hätten gerettet werden können, zum Ersatzteillager werden. All die Gründe, die Menschen angeben, die aus Angst keine Organe spenden möchten, sind nicht Teil des Prozesses gegen Aiman O. gewesen, in dem am Mittwoch das Urteil gesprochen wird. Auch in diesem Fall haben die meisten Organe, die gespendet wurden, Leben gerettet.

Dennoch hat Aiman O. mutmaßlich die Basis einer gerechten Organverteilung untergraben. Glaubt man den Medienberichten, gibt er sich selbstsicher auf der Anklagebank. Das kann man seiner Persönlichkeit zuschreiben. Aiman O. war von 2008 bis 2011 Leiter des Lebertransplantationszentrums in Göttingen. Als solcher entschied er regelmäßig und – so der Vorwurf – eigenmächtig über Leben und Tod von schwer kranken Patienten. Deswegen sitzt er vor Gericht.

Die Anklage gegen ihn wiegt schwer. Elffacher versuchter Totschlag und dreifache Körperverletzung mit Todesfolge wirft die Staatsanwaltschaft ihm vor, weil er seine Patienten mit gefälschten Daten zu Transplantationen verhalf – und damit den Tod anderer billigend in Kauf genommen haben soll. Weil er drei Menschen neue Organe einpflanzte, die diese nicht dringend benötigt hätten und die schließlich an den Komplikationen starben. Mit acht Jahren Haft und einem lebenslangen Berufsverbot soll der Chirurg seine Taten büßen, fordert die Staatsanwaltschaft.

Geht es nach den Verteidigern, so sollte Aiman O. den Gerichtssaal als freier Mann verlassen. Trotz einer erdrückenden Faktenlage liegt ein Freispruch im Bereich des Möglichen. Wie soll ein Gericht über einen Arzt urteilen, der Leben gefährdete, um Leben zu retten? In einem System, das die Verteidiger sogar als nicht verfassungskonform bezeichneten? Um dies zu verstehen, lohnt es zurückzublicken.

Der Fall

Alles begann am 2. Juli 2011. Das Büro der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) war an diesem Samstag unbesetzt. So speicherte der Anrufbeantworter eine entscheidende Nachricht. "Die Göttinger Uniklinik ist in kriminelle Machenschaften verstrickt. Oder kauft man die Organe direkt bei Ihnen?", schallte es da aus dem Gerät.

Die DSO verständigte die Bundesärztekammer über den Anruf. Diese forderte Einsicht in die Patientenakten vom verantwortlichen Arzt, informierte allerdings erst im November den Klinikvorstand der Uniklinik Göttingen. Drei Stellen waren seitdem mit dem Fall beschäftigt. Die interne, von der Uniklinik selbst einberufene Expertenkommission, Prüfer der Bundesärztekammer und die Staatsanwaltschaft.

Die Ergebnisse sind eindeutig: Am Göttinger Lebertransplantationszentrum wurden im großen Stil Daten gefälscht. Patienten kränker gemacht, als sie waren. Warum? Das hat mit den Regeln der Organvergabe zu tun. Wer kränker ist, dessen Dringlichkeit ist größer, der rutscht auf der Warteliste für Organe nach vorne. Bei Bedarf wurden die Patienten auch gesünder gemacht, als sie waren. Alkoholiker, die nicht wenigstens sechs Monate trocken sind, haben keinen Anspruch auf ein Organ. In Göttingen wurde ihre Sucht einfach verschwiegen.

Das Problem: "Jede kleine Verzögerung bringt Listenpatienten dem Tod näher. Das war auch Herrn O. bewusst", argumentiert die Staatsanwältin. Wer auf der Liste nach vorne rutscht, verdrängt immer auch jemand anderes nach hinten. 

Je nach Untersuchungsbericht kam es in Göttingen zu 61 bis 79 Verstößen – untersucht wurden 85 bzw. 105 Fälle. 34 Mal sollen die Werte der Patienten gefälscht worden sein. Ein erheblicher Aufwand. Deshalb stellen sich viele die Frage, ob Aiman O. allein diese Daten manipuliert hat. O. war der Chirurg, betreut aber wurden die Patienten auch von dem Göttinger Gastroenterologen Guliano R.. Auch er ist von der Klinik beurlaubt und gilt als Beschuldigter. Ob er angeklagt wird, dürfte maßgeblich vom Ausgang des Prozesses gegen Aiman O. abhängen. Juristisch sind diese Fälle schwer nachzuweisen.

Die Patienten

Welche Folgen hatten die veränderten Patientenakten? Was mit den ersten Patienten, die wegen Aiman O. auf der Warteliste nach hinten rutschten, passierte, ist schwer zu recherchieren gewesen. Einigen Fällen ging das Gericht nach. Vier Patienten bekamen dennoch ein Organ und lebten zwei Jahre nach den Vorfällen noch. Drei starben, trotz Transplantation. Weil sie auf der Liste nach hinten rutschten? Oder weil sie schon zu krank waren, um den Eingriff noch zu überstehen? Ein gespendetes Organ bedeutet nicht zwingend ein gerettetes Leben.

Anders allerdings sieht es bei drei Patienten aus, denen O. ein neues Organ einpflanzte, obwohl sie noch keines benötigten. Alle starben. Angebracht, also indiziert, waren die Transplantationen in keinem dieser Fälle. Mit einer Leberzirrhose zum Beispiel können Menschen mitunter Jahrzehnte überleben. Doch ist es medizinisch vertretbar, dennoch ein fremdes Organ zu transplantieren? Da gehen die Meinungen auseinander. In Expertenkreisen geht man davon aus, dass lediglich einer der Fälle für Aiman O. Konsequenzen haben könnte.