Ich erwache aus traumlosem Schlaf. Es fehlen mir alle Erinnerungen an gestern und die letzte Nacht. Ich bin nicht munter, nicht müde. In meinem Kopf ein dumpfes Pochen. Der Pyjama ist nass geschwitzt. Mein Magen lässt mich spüren, dass es gestern wieder zu viel war.

Es brennt im Magen, es rumort. Die leicht eingeknickte Seitenlage im Bett bewahrt mich vor Magenkrämpfen. Angst macht mir der Druck im Bereich der Leber. Aufstehen. Übelkeit steigt auf. Ich trinke vorsichtig einen kleinen Schluck Wasser. Der Magen rebelliert. Trockenes Würgen.

Ich steige unter die Dusche. Das Wasser tut gut, aber es erfrischt mich nicht. Das Pochen im Kopf und eine bleierne Schwere bleiben. Schlechter Geschmack im Mund. Das Rasieren macht mich nervös. Innere Unruhe greift um sich. Die Zeit kommt mir verschwendet vor. Zähneputzen gegen den schlechten Geschmack. Der Schaum erzeugt einen unheimlichen Würgereiz, schnell ausspülen.

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Ich brauche meinen Stoff, habe aber nichts mehr im Haus. Kein Wein, kein Bier, kein Wodka – nichts. Vielleicht ist noch ein Rest irgendwo in der Küche? Nein, alles leer. Nur in den Wodkaflaschen sind noch ein paar Tropfen. Sie benetzen kaum meine Zunge. Kein Wunder, das hatte ich gestern auch schon versucht.

Ich brauche den Stoff – jetzt. Mein Magen zieht sich voll Sehnsucht zusammen. Die Hände sind schweißnass, sie zittern. Anziehen, ich muss los, ich muss Alkohol haben. An der Wohnungstür bleibe ich stehen und lausche. Ich will den Nachbarn nicht begegnen. Ein Blick aus dem Fenster – nicht dass ausgerechnet jetzt jemand nach Hause kommt. Zum Glück ist die Straße leer. Noch einmal lausche ich an der Wohnungstür. Niemand zu hören. Schnell raus, abschließen und die Treppe runter.

Schnell zum Kiosk. Es sind nur 200 Meter, aber der Weg ist eine Qual. Der Magen, der ganze Körper schreit nach Alkohol. Ich gehe zuerst unauffällig am Kiosk vorbei und werfe einen Blick hinein. Verdammt, ein anderer Kunde. Ich kenne ihn nicht, trotzdem ist es mir peinlich, schon morgens einen Flachmann zu kaufen. Wann kommt der Kerl endlich aus dem Laden? Lange halte ich es hier draußen nicht mehr aus. Ich überlege hin und her, ob ich mich doch hineinwagen soll.

Morgens geht nur Kräuterschnaps

Endlich verlässt der Mann mit Zeitung unterm Arm den Kiosk. Auf der Straße ist niemand zu sehen. Ich husche in den Kiosk und verlange zwei mittelgroße Flachmänner. Kräuterschnaps. Wirkt nicht so gut wie Wodka, aber den verträgt mein Magen um diese Zeit noch nicht. Schon vor der Tür hatte ich ausreichend Kleingeld aus dem Portemonnaie genommen. Damit bezahle ich jetzt. Mit äußerster Konzentration gelingt es mir, die Geldstücke fast ohne Zittern auf den Verkaufstresen zu legen. Die Situation macht mich nervös. Wenn ich mich beobachtet fühle, zittern meine Hände besonders stark.

Die Flachmänner greife ich sicherheitshalber mit beiden Händen und lasse sie schnell in der Jackentasche verschwinden. Unter starker Muskelanspannung sammle ich das Wechselgeld aus der Schale. Jetzt bloß nicht zittern! Ich fühle mich vom Kioskbesitzer durchschaut. Fast wortlos, nur mit einer gehauchten Verabschiedung verlasse ich den Laden. Ich bin erleichtert, dass mich niemand gesehen hat und ich jetzt endlich Alkohol habe.

Auf der Straße spiele ich mit dem Verschluss einer Flasche, lasse sie aber in der Jackentasche. Meine Hand umfasst sie fest. Auf der anderen Seite der Straße ist eine Parkecke, die vor Blicken geschützt ist. Dort angekommen reiße ich den ersten Flachmann aus der Tasche und drehe den Verschluss auf.

Mit zitternden Händen setze ich die Flasche an. Endlich! Der warme Kräuterschnaps fließt über die Zunge. Ich schlucke und spüre, wie er die Speiseröhre hinunter läuft. Vom Magen aus verbreitet sich sofort ein wohliges Gefühl. Schon nach wenigen Sekunden wirkt der Alkohol.

Das Pochen im Kopf verschwindet, der Magen krampft nicht mehr. Ich nehme die Welt wieder wie durch Watte wahr. Ich leere die erste Flasche und brauche noch ein klein wenig mehr. Das Öffnen der zweiten Flasche gelingt besser. Meine Hände sind ruhiger, das Zittern ist fast verschwunden. Jetzt reicht eine Hand zum Trinken. Den zweiten Flachmann trinke ich nur halb aus und stecke ihn dann wieder in die Jackentasche. Der Körper ist zunächst befriedigt.

Jetzt kann ich zum Supermarkt und den normalen Einkauf erledigen. Normaler Einkauf, das bedeutet Wein, Wodka und ein oder zwei unverfängliche Artikel, die den Einkauf und mich durchschnittlich erscheinen lassen sollen. Lächerlicher Selbstbetrug. Meine Gedanken kreisen um die Versorgung mit genügend Alkohol. Ich weiß, dass ich auch nach dem Einkauf unentwegt an Alkohol denken muss. Ich nehme noch einen kleinen Schluck aus dem Flachmann – meine Unsicherheit ist verdrängt, die Unruhe bleibt.

Seit einigen Jahren ist der Autor trocken. Er engagiert sich ehrenamtlich als Suchtkrankenhelfer und leitet eine Selbsthilfegruppe für trockene Alkoholiker.

Der Autor schreibt unter Pseudonym. Sein richtiger Name ist der Redaktion bekannt.

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