Jeden Tag laufen Männer in weißen Schutzanzügen durch Veranstaltungshallen und U-Bahnen in Seoul, um sie mit ihren Desinfektionskanonen zu vernebeln. Es heißt zwar, außerhalb der Krankenhäuser bestehe keine Gefahr, sich mit dem Middle East Respiratory Syndrome (Mers) anzustecken, doch die Maßnahmen passen zu der vorherrschenden Haltung seit dem Ausbruch in Südkorea Mitte Mai: auf Nummer sicher gehen, ohne dabei in Panik zu verfallen.

Die Epidemie befinde sich an einem Scheideweg, sagten in der vergangenen Woche Sprecher der koreanischen Gesundheitsbehörden. Es seien zwei Szenarien denkbar: Entweder das Virus werde in gut 14 Tagen – so lang ist die Inkubationszeit – ganz verschwunden sein, oder es komme zu einer dritten Welle der Ausbreitung. Seit etwa zwei Wochen sinkt die Zahl der Neuinfektionen, aber nicht gleichmäßig. Vor einigen Tagen gab es einen neuen Anstieg. Am Sonntag und Montag wurden keine Neuinfektionen bekannt.

Landesweit sind bisher 181 Menschen an Mers erkrankt. 91 Menschen, also etwa die Hälfte aller Betroffenen, haben sich vollständig von dem Virus erholt und konnten aus dem Krankenhaus entlassen werden. Die Sterblichkeit liegt bei 17,6 Prozent und damit weit unter dem Durchschnittswert von 40 Prozent, der bei zurückliegenden Mers-Epidemien in anderen Ländern gemessen wurde. Fast alle der 32 Todesopfer hatten chronische Vorerkrankungen. Eine Ausnahme ist der jüngste Tote, ein 55-jähriger Mann, der zuvor vollkommen gesund gewesen sein soll.

Bisher hat sich das Virus nur in Krankenhäusern verbreitet; doch die Menschen sind vorsichtig, vor allem, weil die ersten Reaktionen der Behörden auf das Virus nicht ausreichend waren. So hatte sich die Regierung etwa erst sehr spät entschlossen, die Namen der Krankenhäuser zu nennen, in denen Mers-Patienten behandelt wurden. Dabei wäre diese Information wichtig gewesen, um eine weitere Ausbreitung des Virus zu verhindern.

Als die Zahl der Neuinfektionen stieg, führte die Regierung jedoch umfangreiche Quarantänemaßnahmen ein, von denen seit dem Ausbruch insgesamt mehr als 15.000 Südkoreaner betroffen waren. Am vergangenen Wochenende befanden sich immer noch insgesamt 2.562 Männer und Frauen in Quarantäne – die meisten von ihnen zu Hause –, weil sie sich infiziert haben könnten. Es sind vor allem Menschen, die Krankenhäuser besucht haben, in denen auch Mers-Patienten behandelt wurden. Alle von ihnen ausfindig zu machen, sei die größte Herausforderung gewesen, sagte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums. Seit einigen Tagen müssen Krankenhäuser deshalb alle Besuche in der Notaufnahme protokollieren.

Eine renommierte Klinik in der Kritik

Vor allem eine Klinik ist seit Ausbruch der Epidemie in die Kritik geraten: das renommierte Samsung Medical Center in Seoul. Etwa die Hälfte aller Infizierten waren Patienten, deren Angehörige oder Mitarbeiter des Krankenhauses. Schon vorletzte Woche war die Klinik teilweise geschlossen worden; auch darf sie so lange keine Patienten mehr aufnehmen, bis das Virus unter Kontrolle ist. Die Maßnahme war auch eine Reaktion auf die Nachricht, dass ein Mitarbeiter des Krankenhauses tagelang weiterarbeitete und Kontakt mit Patienten hatte, obwohl er einschlägige Symptome zeigte.

Der Druck auf den Samsung-Konzern, dessen Namen man in Europa vor allem mit Elektrogeräten verbindet, war so groß geworden, dass der Samsung-Erbe Lee Jae Yong vor wenigen Tagen vor die Presse trat. In einer seltenen Fernsehansprache entschuldigte er sich für "den Schmerz und die Sorgen in der Bevölkerung", die entstanden seien, weil sein Krankenhaus die Infektion nicht habe stoppen können. "Ich neige meinen Kopf und entschuldige mich", sagte er.

Quarantäneverstöße sollen künftig härter bestraft werden

Währenddessen hat das Parlament die erste langfristige Maßnahme beschlossen, das sogenannte Mers-Gesetz. Es soll Südkorea künftig besser vor der Ausbreitung infektiöser Krankheiten schützen. Das Gesetz sieht vor, im Ernstfall mehr Epidemiologen einzusetzen und diese mit mehr Kompetenzen auszustatten. Zum Beispiel sollen sie Sofortmaßnahmen ergreifen können, ohne vorher Rücksprache mit Vorgesetzten zu halten – in Koreas streng hierarchischer Gesellschaft ist das nicht selbstverständlich. Außerdem wird die Strafe für Personen erhöht, die sich nicht an eine verordnete Quarantäne halten; Verstöße sollen mit bis zu zwei Jahren Gefängnis beziehungsweise bis zu umgerechnet 16.000 Euro geahndet werden.

Einen erneuten Ausbruch zu verhindern, ist auch aus wirtschaftlicher Sicht im Interesse des Landes. Mers wirke sich negativ auf die gesamte Binnenwirtschaft aus, sagte Finanzminister Choi Kyu Hah vergangene Woche. Im Einzelhandel seien die Einnahmen um 30 Prozent zurückgegangen, während allein in den ersten beiden Juniwochen 120.000 Ausländer ihre Koreareise storniert hätten. Choi stellte eine aktuelle Prognose vor, wonach die südkoreanische Volkswirtschaft in diesem Jahr nur um 3,1 Prozent wachsen werde. Ursprünglich waren Finanzexperten von 3,8 Prozent ausgegangen.

Verlorenes Vertrauen zurückgewinnen

Außerdem gab er bekannt, dass das Finanzministerium umgerechnet etwa 12 Milliarden Euro ausgeben wolle, um das Wachstum anzukurbeln. Das Geld soll vor allem Geschäften zugutekommen, die unter dem Mers-Ausbruch leiden. Es ist die zweite große Maßnahme, nachdem die koreanische Zentralbank ihren Leitzins Anfang des Monats auf ein Rekordtief von 1,5 Prozent gesenkt hatte.

Das Konjunkturprogramm kann man auch als einen Versuch von Präsidentin Park Geun Hye verstehen, das schlechte Krisenmanagement der Regierung wiedergutzumachen. Es geht darum, Vertrauen zurückzugewinnen, mit Geld und auch mit eher symbolischen Maßnahmen. Dazu zählen wohl auch die Männer mit den weißen Schutzanzügen und den Desinfektionskanonen. Sie liefern gute Fotos, die Zeitungen sind voll davon. Es sind Bilder, die sagen sollen: Eure Regierung ist für Euch da.